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Wein



Der Weinstock

Hinweis auf die endzeitliche Fülle des Lebens

Wein als wichtiges Erzeugnis der Mittelmeerländer durfte schon in der Antike weder bei Festen noch im Opferkult fehlen. Der Wein als "Lebenssaft des Weinstocks" wurde schon früh als Lebenselexier gedeutet. Mit dem Blut des griechischen Gottes Dionysos identifiziert, der nicht nur als Gott des Weines, des Rausches und der Fruchtbarkeit verehrt wurde, sondern auch als Herr des Todes galt, wurde er zu einem Symbol der Wiedergeburt.

Im jüdisch-christlichen Bereich wurden Vorstellungen aus der Umwelt zu Wein und Weinstock aufgenommen und vielfältig symbolisch gedeutet.
Im AT wird kommendes Glück mit einem fruchtbringenden Weinstock verglichen. Unter dem Weinstock sitzen ist Ausdruck für Wohlergehen. Die grosse Traube, die die Kundschafter aus dem gelobten Land mitbringen, ist Symbol der Verheissung.
Der Weinstock, für den Gott in einem umfriedeten Weinberg sorgt - wie ein fürsorglicher Weingärtner -, wird als Sinnbild für Gottes auserwähltes Volk Israel gedeutet.


Die Wildschweine haben den Weinberg zerwühlt. Psalm 80,9-10.14.
Ein Bild aus dem Stuttgarter Psalter

Im NT ist von Christus als dem wahren Weinstock die Rede. Auch die Gemeinschaft der getauften Christen mit Christus wird im Bild des Weinstocks dargestellt. Christus ist der lebenskräftige Stamm, der die Gläubigen wie Rebzweige trägt. Aus ihm erhalten sie ihre Kraft; nur wenn sie an ihm bleiben, haben sie Leben und können sie Frucht bringen. Mittelalterliche Darstellungen zeigen oft Christus in einem Weinstock gekreuzigt, in dessen Zweigen die Jünger sitzen. Damit werden Bilder von der "Wurzel Jesse" und vom Lebensbaum aufgenommen, die zum  Teil schon auf frühchristliche Darstellungen in den Katakomben und auf Sarkophagen zurückgehen.

Antike Jenseitsbilder werden mit christlichen Paradiesvorstellungen verknüpft, wenn die Bäume des Gartens Eden als Weinstöcke dargestellt werden. Andere Bilder zeigen an Trauben pickende Vögel, die die Seelen der Verstorbenen sind, die an der Fülle des Lebens teilhaben und die ewige Seligkeit trinken.
Antike Vorstellungen der Wein-Blut-Symbolik werden in Bildern von der Weinernte und besonders in Darstellungen von Christus in der Kelter wieder aufgenommen und auf das Endgericht und die Erlösung bezogen. In der Ernte vollzieht sich, ähnlich wie beim Getreidekorn, ein Übergang zu einer neuen Lebensqualität, an der die Gläubigen unter den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein teilhaben dürfen.

In all dem ist der Weinstock Hinweis auf Fest und Freude und schliesslich auf die endzeitliche Fülle des Lebens und die Erlösung.

Johannes Sell


Literatur: Jakob Vetsch, Das schöne Werdenberg, Buchs 1985, S.80



Abendmahl - Vom Weinstock und den Reben

Wein_Trotte_Gretschins.jpg

Alter Trottbaum von Wartau-Gretschins SG, am 2. Juli 2009 an der Brandschenkestrasse 60, Zürich
Foto: Jakob Vetsch


last update: 08.09.2015