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Sonntag vor dem 26. April
Tschernobyl-Tag

Predigtentwurf zum 30. Tschernobyl-Jahrestag vom 26. April 2016 – Green Cross Schweiz
Predigt für Menschen, die in verwüsteten Gebieten leben müssen
von Pfarrerin Angelika Steiner, Zürich-Leimbach



Predigtentwurf zum 28. Tschernobyl-Jahrestag vom 26. April 2014 – Green Cross Schweiz
Jakob Vetsch, Pfarrer Sihlcity-Kirche Zürich

ER ZEIGTE MIR DEN FLUSS
MIT DEM LEBENSWASSER


"Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, sage: Komm! Und wer dürstet, der komme, und wer will, der nehme vom Wasser des Lebens, umsonst."
"And the Spir'it and the bride say, Come. And let him that heareth say, Come. And let him that is athirst come. And whosoever will, let him take the water of life freely."
Offenbarung 22,17 / Revelation 22:17

 Vom "Wasser des Lebens umsonst" ist hier die Rede. Wasser also, gratis, geschenkt, einfach so gegeben. Hand auf's Herz: Hätten wir früher nicht gedacht, warum denn nur Wasser? Dürfte es nicht ein bisschen mehr sein? Zum Beispiel ein Cola, ein Bier, bisschen Wein oder auch mal ein Whisky? Aber Wasser? Wasser umsonst, wenigstens kostet es nichts.
Inzwischen sind wir eines besseren belehrt worden. Wir kennen die elementare Wichtigkeit des Wassers für das Entstehen und das Leben unserer Erde, ihrer Vegetation, den Pflanzen, den Bäumen, den Tieren und auch uns Menschen. Und wir wissen um die Gefährdung allen Lebens auf Erden, wenn die gute Qualität des Wassers infrage gestellt ist. Zudem kann zu viel Wasser eine grosse Gefahr bedeuten. Da sind Mass und Ausgleich besonders wichtig.

Letzthin hab ich es wieder einmal gehört, und es klingt gewaltig im Herzen nach, das von Helmut Richter gedichtete Lied "Über sieben Brücken musst du gehn". Da heisst es unter anderem:

"Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
Manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn
Manchmal ist man wie von Fernweh krank
Manchmal sitzt man still auf einer Bank"

Da haben wir es, das stille Stehen im Leben, das nicht mehr Wissen wie weiter, das Drehen im Kreis, das weg Wollen aber nicht Können.
Der eingängige Refrain zeigt dann die Lösung, den Weg durch's Dunkel von Prüfungen, Schicksal, Krankheit und Tod ans helle Licht des Lebens:

"Über sieben Brücken musst Du gehn
sieben dunkle Jahre überstehn
sieben mal wirst Du die Asche sein
aber einmal auch der helle Schein"

Hartes muss durchgestanden sein. Selbst hat man sich zu verlieren. Dann aber wartet der helle Schein, das Licht. Manchmal braucht es Brücken die über gefährliche Wasser und vernichtende Tiefen führen. In einem Buchtext wurde es vor etlichen Jahren festgehalten:

"Brücken sind dazu da,
über Abgründen und Schluchten
nicht zu verzweifeln,
sondern darüber zu staunen,
dass sie Freude schenken
an der Wanderung durch das Land
in der Natur draussen
und durch das Land
der Seele in mir drinnen."

Oft sind wir Menschen solche Brücken für andere, die sonst verzweifeln müssten. Auf unserer Erde sind viele Menschen ohne jede persönliche Schuld gefährdet. Es muss ihnen geholfen werden. All zu gross ist die Enttäuschung auf der einen Seite und ist die Schuld auf der anderen Seite, wenn geholfen werden könnte, und es wird weder daran gedacht noch gemacht. Da haben wir alle nicht wegzuschauen, sondern hinzuschauen, zu Lösungen beizutragen und Menschen auf schweren Lebenswegen zu begleiten und zu unterstützen. Alles Leben ist verbunden miteinander. Es gibt kein wahres Glück auf Kosten anderer. Wem viel anvertraut wird, hat verantwortlich damit umzugehen.
Wir dürfen uns in der Schweiz freuen am Wasser. Und wir dürfen zudem um das Evangelium von Jesus Christus, die frohe Nachricht vom Wasser des Lebens wissen! Da gibt es so viel davon, dass wir es teilen dürfen – und, wo auch immer wir uns befinden – dazu gehören, zur Familie des Lebens.
"Er zeigte mir den Fluss des Lebenswassers" steht auch in jenem Kapitel der Offenbarung, wo vom Gratis-Wasser die Rede ist. Es ist schön, diesen Fluss gezeigt zu erhalten. Es ist wunderbar, an diesem Fluss zu leben. Und dieses Leben mit anderen zu teilen, Hilfe anzunehmen, wenn wir Hilfe brauchen, und Hilfe zu leisten, wenn wir sie geben können. Es zeugt vom Wirken des Heiligen Geistes, wie es auf den letzten Seiten der Bibel aufgeschrieben ist.



Predigtentwurf für einen Sonntag vor dem 26. April 2005
zum 19. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe
für Green Cross Schweiz, von Pfr. Jakob Vetsch

... EINER DES ANDERN ...

"Traget einer des andern Lasten,
und so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."
(Galaterbrief 6,2)

Chaplin, der Inbegriff des Komikers, der Mann, der im letzten Jahrhundert vielleicht am meisten Leute zum Lachen gebracht hat, Chaplin hatte auch seine nachdenkliche Seite. Und er hat sie auch genannt, im Schlussappell seines Filmes "Der grosse Diktator" vom Jahre 1940. Wie das ernsthafte Vermächtnis eines vielseitig Begabten, den das Wohlergehen seiner Mitmenschen nicht unberührt liess, lesen sie sich, diese Worte:

"Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann - den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weissen. Jeder Mensch sollte dem andern helfen, nur so verbessern wir die Welt.
Wir sollten am Glück des Andern teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden. Und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen.
Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein. Wir müssen es nur wieder zu leben lernen! Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet, und Missgunst hat die Seelen vergiftet.
Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehen geblieben. Wir lassen Maschinen für uns arbeiten, und sie denken auch für uns. Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen und unser Wissen kalt und hart. Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.
Aeroplane (Flugzeug) und Radio haben uns einander näher gebracht. Diese Erfindungen haben eine Brücke geschlagen von Mensch zu Mensch. Sie erfordern eine allumfassende Brüderlichkeit, damit wir alle Eins werden.
Bewahrt Euch die Menschlichkeit in Euren Herzen, und hasst nicht! Nur wer nicht geliebt wird hasst, nur wer nicht geliebt wird.
Kämpft für die Freiheit! Im 17. Kapitel des Evangelisten Lukas steht, Gott wohnt in jedem Menschen, also nicht nur in einem oder in einer Gruppe von Menschen. Vergeßt nie: Gott lebt in Euch allen! Und Ihr als Volk habt allein die Macht, die Macht Kanonen zu fabrizieren, aber auch die Macht Glück zu spenden. Ihr als Volk habt es in der Hand, dieses Leben einmalig kostbar zu machen.
Lasst uns kämpfen für eine neue Welt, für eine anständige Welt, die jedermann gleiche Chancen gibt, die der Jugend eine Zukunft und den Alten Sicherheit gewährt. Laßt uns kämpfen für die Freiheit in der Welt, das ist ein Ziel, für das zu kämpfen es sich lohnt! Nieder mit der Unterdrückung, dem Hass und der Intoleranz! Lasst uns kämpfen für eine Welt der Sauberkeit, in der die Vernunft siegt, in der Fortschritt und Wissenschaft und alles zum Segen gereichen!"

Wer die genannten Worte von Gott, der in uns allen wohnt, im Lukas-Evangelium sucht, wird sie nicht finden. Chaplin wusste, dass Lukas ein Doppelwerk hinterliess, das Evangelium und die Apostelgeschichte. Gemeint ist also das 17. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas, und zwar die Verse 27b und 28a, wo wir lesen: "Gott ist doch nicht fern von einem jeden unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir." Chaplin übersetzte das einfach mit: Gott wohnt in jedem Menschen.
Das ist ja dann auch der Grund, warum alles zusammen hängt und es kein wahres Glück gibt, wenn es nicht allen gilt. Der Apostel Paulus hat es in die Worte gefasst: "Traget einer des andern Lasten, und so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." ... einer des andern ... Vielleicht sind wir Schweizer auch einmal froh. Es sind nicht immer nur die anderen, die das Unheil trifft. Die aktuelle Aktion von Greencross Schweiz zeigt uns ein Mädchen, und wir lesen dazu: "Wer gibt der 6-jährigen Ania Wärme und Schutz?" Ich schaue es an und denke, es könnte mein Kind sein oder deins, ich könnte es sein oder du. Es geht mir nicht aus dem Sinn: ... einer des andern ...
"Wer?" Einst hat es ein Mann namens Martin getan. Er hat den richtigen Gebrauch des Schwertes demonstriert und damit seinen Mantel geteilt und die eine Hälfte einem Frierenden zugeworfen. In der Nacht ist ihm im Traum Christus erschienen, und er hatte die verschenkte Hälfte von Martins Mantel um sich gewickelt. "Wiefern ihr es einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr es mir getan." (Matthäus 25,40).
Es geht um Ania. Sie ist genug Grund zum Helfen. Ein Kind, in dem Gott wohnt, wie in uns allen. Es geht aber auch um Christus und um dich, was du tust und was mit dir geschieht. Mutter Teresa hat es einmal so gesagt: "Wenn Sie den Armen den Rücken zuwenden, so wenden Sie ihn Christus zu. Er hat sich selbst zum Hungrigen gemacht, zum Nackten, zum Heimatlosen, so dass Sie und ich Gelegenheit haben, ihn zu lieben!"
Wir haben viel Gelegenheit, ihn zu lieben. Indem wir unsere Herzen warm machen mit der Freude des Evangeliums, von Gott geliebt zu sein; und indem wir diese Liebe in Form von Wärme anderen schenken, ihnen in Gedanken etwas Wärme schicken, für sie beten und helfen, so gut wir können, "den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weissen", wie es Chaplin in seinem Schlussappell eindringlich gesagt hat.


Predigtentwurf für einen Sonntag vor dem 26. April 2004
zum 18. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe
für Green Cross Schweiz, von Pfr. Bruno Amatruda
"...dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung"

"Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen,
und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären;
mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet ...
Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR:
Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."
(Jeremia 29,5.6.11)

Welche Verheissung! Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien und lebt in Frieden! So ermutigt der Prophet sein Volk im Exil, so hört er Gott selbst zu seinen Menschen sprechen. Zukunft und Hoffnung will er ihnen geben.
Gilt diese Verheissung auch dem russischen Mädchen Tanja, das in der Nähe des Chemiewaffenlagers aufwachsen muss? Gilt sie auch ihrer Familie, die in Armut lebt, gilt sie auch den kränklichen Nachbarskindern mit ihrem durch die Verseuchung arg angeschlagenen Immunsystem? 

Göttliche Verheissungen sind nicht einfach Vorhersagen oder Prophezeiungen, die dann eintreffen oder nicht eintreffen können. Sie sind vielmehr Ruf und Appell, Aufruf und Einladung, Ermutigung und Ermächtigung.  Die göttliche Verheissung will uns zum Handeln motivieren. Denn Gott ist auf unser Handeln angewiesen. Nur so werden seine Verheissungen wahr.
Gott ruft zu immer grösserer Vielfalt des Lebens auf, zu mehr Schönheit und Güte, zu noch grösserer Freiheit und Erfüllung. Das ganze Universum ist ein Prozess kreativer Verwandlung. Und dieser Prozess wird von Gottes Ruf in Gang gesetzt und in Gang gehalten.

Andersrum hingegen wirken die Kräfte der Vernichtung. Stillstand wo Entwicklung sein sollte.
Verkümmerung anstelle von Vielfalt. Trostlosigkeit statt Hoffnung. Die Menschen in den chemisch verseuchten Gebieten müssen alle Kraft aufbringen, um gegen die Kräfte der Vernichtung anzukämpfen. Und doch: Gottes Verheissung, "dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung" gilt auch ihnen. Ja gerade ihnen!
Und sie wird sich für SIE erfüllen, wenn WIR den (Auf)Ruf hören. Gott hat keine Hände, die das Elend anpacken könnten. Er hat nur sein Wort. Aber mit diesem Wort kann er uns motivieren, anzupacken. 
Der Prozess kreativer Verwandlung ist ein partnerschaftlicher Prozess, in welchem Gott und Mensch aufeinander angewiesen sind. Ob Schwerter zu Pflugscharen umgegossen werden (Jes 2,4), liegt einzig daran, ob WIR Schwerter zu Pflugscharen umgiessen. Ob chemische Waffen vernichtet werden, ebenso. Gott ist auf uns angewiesen, damit seine Verheissungen des Friedens sich erfüllen.

Ob Gott auch dem russischen Mädchen Tanja Zukunft und Hoffnung und Hoffnung gewähren wird? Sein Gedanke ist es, an uns aber ist es, den Gedanken in die Tat umzusetzen. "Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."


Predigtentwurf für einen Sonntag vor dem 26. April 2003
zum 17. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe
für Green Cross Schweiz, von Pfr. Jakob Vetsch

Hoffnung durch die Nähe des Gespräches
UNTER DEM FEIGENBAUM SAH ICH DICH

Der König fragte die Schlange: "Wo kommst du her?"
"Aus den Klüften", versetzte die Schlange, "in denen das Gold wohnt."
"Was ist herrlicher als Gold?" fragte der König.
"Das Licht”, antwortete die Schlange.
"Was ist erquicklicher als Licht?" fragte jener.
"Das Gespräch", antwortete diese.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Andreas findet zuerst seinen Bruder Simon und sagt zu ihm:
Wir haben den Messias gefunden (das ist übersetzt: der Gesalbte, der Christus).
Er führte ihn zu Jesus. Jesus sah ihn an und sprach: Du bist Simon,
der Sohn des Johannes; du wirst Kephas genannt werden (d.h. übersetzt: Fels).
(Johannes-Evangelium 1,41-42)

Damit wir nicht so allein sind und wirklich leben, sind wir auf Beziehungen, auf ein Miteinander angewiesen. Das verleiht uns Geborgenheit, Sicherheit und Lebenssinn. In jeder echten Beziehung wird ausgetauscht, kommuniziert, gesprochen. Das kann auf vielfältige Weise geschehen: mit Worten, im Schweigen, durch Gesten, in der Arbeit.
Nun spüren wir der Frage nach, wie Gott zu uns Menschen spricht und wie wir Menschen mit Gott reden. In welcher Beziehung stehen wir zu Gott und wie kommunizieren wir mit ihm und er mit uns?

Wenn Gott uns Menschen ruft, sind die Gespräche nicht wortreich. 
"Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas (Fels) genannt werden”, sagt Jesus dem galiläischen Fischer Petrus. 
"Folge mir nach!”, ruft er am nächsten Tag dem Philippus zu. 
So beruft Jesus seine Jünger. 
Im Alten Testament weiss sich Samuel auf geheimnisvolle Weise beim Namen gerufen und gibt als Antwort weiter: "Rede, Herr, dein Diener hört!”
"Wer geht in unserem Auftrag?” "Hier bin ich. Sende mich!”, berichtet die Schrift von der Berufung des Propheten Jesaja.
"Folge mir nach!”, "Kommt und seht”, so sammelt Gott seine Menschen. So ruft er sie. So spricht er auch uns an. 

"Du bist Petrus, der Fels”, d.h. ich nenne dich so, ich mache das aus dir. Und was Petrus von sich aus zu sagen hat, das müssten auch wir sagen: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder.” (Lk.5,8)  Selten traut es sich ein Berufener zu, in Gottes Namen zu handeln und zu verkündigen. Er soll es ja auch nicht aus eigenen Kräften tun, sondern aus dem Willen und der Kraft Gottes. 
Zwiegespräche mit dem berufenden Gott machen zu Weggefährten und Freunden Jesu. Weggefährten und Freunde dessen, der das Kreuz trug. "Du sollst Fels heissen”, das war der Anfang eines Weges durch grosse menschliche Not, durch Zweifel, Versagen und sogar Verleugnung dessen, der rief. Die frühe Kirche verschweigt die Schwachheit des Petrus nicht. 
Es kommt nicht so sehr auf die Stärke der Weggefährten Gottes, sondern viel mehr auf ihre Liebe zu ihm an: "Liebst du mich?”, lautet die entscheidende Frage, bevor der Herr dem  Petrus das Hirtenamt übergibt.

Da kommt mir eine Geschichte mit dem heiligen Franz in den Sinn. Er weilte einmal in der Behausung bei Portiuncula, und bei ihm hielt sich Bruder Masseo auf. Dieser besass eine besondere Gnadengabe für das Wort Gottes. Er zeichnete sich durch kluge Verständigkeit aus und war deshalb dem Heiligen sehr lieb. 
Eines Tages wollte Masseo den Heiligen einer Probe unterziehen, um zu erforschen, wie es um seine Demut bestellt sei. Franz kehrte gerade aus dem Wald zurück, wo er gebetet hatte. Masseo lief ihm entgegen und rief ihm zu: "Woher dir? Woher dir? Woher dir?”
Der heilige Franz sprach: "Was sagt da Bruder Masseo?”, um herauszufinden, was er damit meine.
"Woher kommt es, dass dir die ganze Welt nachzulaufen scheint, und alle wollen dich sehen, dich hören, dir folgen? Du bist kein schöner Mann, du hast nicht viel Wissenschaft und Weisheit, du bist nicht adlig, woher also dir?”
Statt beleidigt zu sein, war der selige Franz freudig im Geist bewegt. Er hob sein Gesicht gegen den Himmel und stand so eine geraume Weile, sein Gemüt zu Gott erhoben. Als er dann wieder zu sich kam, warf er sich auf die Knie, um Gott zu loben und ihn zu preisen.
Dann wandte er sich inbrünstig Bruder Masseo zu und sprach: "Du willst wissen, woher mir solches zukommt? Das ist mir vom heiligen Auge Gottes ausersehen worden, das an jedem Ort die Guten und die Schlechten sieht, und da hat dieses selige, heilige Auge Gottes unter den Schlechten keinen grösseren Sünder erschaut als mich, den schlimmsten und gemeinsten. Und weil der Herr für das wunderbare Werk, das er vollbringen wollte, keine armseligere Kreatur erspähte, darum hat er mich auserwählt. Gott allein sei die Ehre und Herrlichkeit in Ewigkeit!”
Da erschauerte Bruder Masseo vor so demütiger Antwort und vor der Inbrunst, mit welcher der heilige Franz gesprochen hatte. Und es ward ihm klar, dass der selige Franz tief in wahrer Demut begründet war, ein echter und demütiger Jünger Christi.

Wenn Gott uns ruft, sind die Gespräche nicht lang, und er schaut nicht auf den Mustermenschen. 

Es wird von einem Menschen namens Nathanael berichtet, der Jesus zurückfragt: "Woher kennst du mich?” Und Jesus antwortet: "Da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.” 
"Feigenbaum” ist so etwas wie eine Chiffre für das, was in der inneren Schicht unseres Lebens vorgeht, von der niemand etwas weiss und auch nicht wissen soll. Und genau das wird plötzlich angesprochen. Eine Situation, wie sie nur Nathanael und Jesus kennen? Sie macht deutlich: Da sind zwei auf einer Ebene miteinander verbunden, ohne dass inhaltlich preisgegeben wird, worum es geht. Es wird nichts an die Öffentlichkeit gezerrt, es wird nur angedeutet: "Da sah ich dich.” Und Nathanael hatte gedacht: Hier unter dem bergenden Feigenbaum bist du ganz allein, und hier kannst du deinen Gedanken, deinen Worten, deinen Anklagen, deinen Träumen und deinen Tränen freien Lauf lassen...

Was würde Jesus zu uns sagen? Vielleicht: Da du nachts nicht schlafen konntest und deine Gedanken wie mit Elefantenfüssen auf dir herumtrampelten, da sah ich dich. Da du allein im Auto unterwegs warst und vor dich hingesprochen hast, da sah ich dich. 
So sind wir vor Gott angesehene Leute im Doppelsinn des Wortes: Er begehrt uns, er ruft uns; er sieht uns aber auch an, wenn sich das Innerste bei uns meldet. Auch jene Schicht der Seele ist aufgehoben und geborgen bei ihm. Wir dürfen sie ihm anvertrauen und müssen nicht alles selber machen, müssen uns nicht für gar alles selber verantwortlich fühlen. Wir dürfen unser Leben vertrauensvoll in die Hände Jesu legen. "Da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.” Das heisst doch: Aus vermeintlicher Ferne wird Nähe. Aus einem distanzierten Verhältnis wird Freundschaft. Einsamkeit wird zur Gemeinschaft. 
Gott kennt uns, und er erkennt uns. Und in beidem liegt die Verheissung: Er liebt uns. Aus dieser Einsicht wächst das Bekenntnis, das nun Nathanael für Jesus findet: "Du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels.” Er, der vorher so reserviert war gegenüber Jesus, sagt jetzt grosse Dinge von ihm. Er antwortet auf das Wort, das Gott an ihn gerichtet hat. In der Abendmahlsliturgie hören wir etwa die Sätze: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du unter dem Dach meines Hauses eingehst, doch sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.” Nathanael hat dieses Wort vernommen und erwidert es dankbar.
Mit dem heiligen Augustinus können wir es aussprechen: "Herr, sag mir ein Wort, das mein Herz trifft, damit ich dich liebe.” Darauf - und nur darauf - kommt es an. 

Zwiegespräche mit Gott sind kurz, wenn er uns ruft. Sie dauern aber an, wenn wir auf seinen Ruf hören und ihm nachfolgen. Dann reden wir täglich mit Gott.
Dazu möchte ich Euch noch etwas erzählen, das mir einmal eingegeben wurde.

Ein Weiser hatte die merkwürdige Angewohnheit, sich jeden Abend um die gleiche Zeit von seinen Freunden zu verabschieden. Fragte man ihn, wohin er denn gehe, pflegte er zu erwidern, er sei noch zu einer Feier eingeladen. 
Es fiel den Freunden jedoch auf, dass er sich dann stets in sein eigenes Haus begab und nicht mehr gesehen wurde. Sie rätselten und stellten die verschiedensten Vermutungen an, was es wohl mit diesem seltsamen Brauch des Weisen auf sich haben könnte.
Eines Abends vermochten sie ihre Neugierde nicht mehr zu zähmen. Sie fassten den Entschluss, ihm auf leisen Sohlen zu folgen und sein Tun durch das Fenster zu beobachten. Und was sahen sie da? Ihr Freund kniete in seiner Kammer auf dem Boden. Er hielt seine Augen andächtig geschlossen und hatte seine Hände auf der Brust andächtig gefaltet.
Die Freunde des Weisen waren dermassen beeindruckt ob dem Gesehenen, dass sie sich unbemerkt, wie sie gekommen waren, auch wieder von seinem Haus entfernten. Fortan wussten sie um sein Geheimnis und die Bewandtnis seiner allabendlichen Feier. Sie hatten begriffen, dass er auf diese Weise aus jedem Tag ein kleines Fest für sein Leben machte, das auch ein Segen für seine Umgebung bedeutete.

Durch das Reden Gottes mit uns und durch unser Reden mit Gott wird unser Leben etwas ganz Besonderes. Wir verändern uns, und die Welt wird wunderbar, weil Gott das wirkt. Mitten in aller Hoffnungslosigkeit, mitten in allem Zerstörten wächst die Blume der Hoffnung, wenn wir Menschen mit Gott reden und wenn unsere Gespräche untereinander die Qualität echter Nähe und Wärme haben, weil wir von Gott geliebt sind, weil wir das wissen und einander verstehen wollen, voneinander lernen, einander bereichern möchten, für ein besseres Heute als es das Gestern war, für ein besseres Morgen als es das Heute ist.

Zum Schluss knappe Worte, die Jesus beim Kreuz gesagt hat. Sie zeigen, wie Gemeinschaft gestiftet und Hoffnung gegeben werden kann: Jesus sah die Mutter und neben ihr den Jünger stehen, den er lieb hatte. Er sagt zur Mutter: "Siehe, dein Sohn!" Hierauf zum Jünger: "Siehe, deine Mutter!" Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus.


Predigtentwurf für einen Sonntag vor dem 26. April 2001
zum 15. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe
für Green Cross Schweiz, von Pfr. Jakob Vetsch

gemEINsam statt EINsam,
oder: "Nur wer nicht geliebt wird, hasst, nur wer nicht geliebt wird..."

"Zwei sind auf jeden Fall besser dran als einer allein.
Noch besser sind dann drei; man sagt ja:
Ein Seil aus drei Schnüren reisst nicht so schnell."
(Prediger 4,9.12b)

Tränen fallen ihr über das Gesicht. Sie hat es gegen den Boden geneigt. Monoton kommt aus ihr heraus: "Mein Ex fragt nicht nach mir, ich bin ihm gleichgültig." Gezeichnet von jahrelanger Krankheit sitzt sie im Rollstuhl auf der Veranda draussen, ein Häufchen Elend, allein, eine kinderlose Schweizer Frau mittleren Alters. "Vielleicht will er seine neue Partnerin nicht eifersüchtig machen", hör ich mich sagen. Ich versuche schon wieder Brücken zu bauen, ein richtiger Brückenbauer, ein Pontifex, bin ich geworden, mein Gott! Aber wo kommen wir hin, wenn wir immer nur die eine Seite sehen, und überhaupt dieses Schuldzuweisen statt Verstehenwollen, "Moralin" statt Hilfe - ich hab es satt! Tatsache ist: Sie sitzt da, heulend, allein. Bitter. Wahr. Die stummen Momente teilen, den Schmerz aushalten, die Wut nicht runterschlucken, die Trauer nicht vorschnell mit Trost übertünchen, nicht "leidige Tröster" sein, wie Hiob es seinen Freunden vorgeworfen hat. Aushalten, da-sein. Was für ein Da-sein manchmal! Aber ich möchte es nicht missen: Die Tiefs gehören zum Leben, da gibt es nicht nur Höhenflüge. Ich schau sie an, die Frau, und es kommt mir ein Satz in den Sinn, den ich in der Fortbildung hörte: "Der Hass ist die Hoffnung auf die Liebe." Da darf man also ganz schön vorsichtig sein; wenn das nämlich so steht, dann wäre in Manchem noch Manches zu machen! Eindringlich auch die Worte: "Nur wer nicht geliebt wird, hasst, nur wer nicht geliebt wird ..." Ich sag es ja: Da darf man ganz schön vorsichtig sein; dies sind immerhin Worte von Charlie Chaplin, aus dem Schlussappell seines grossartigen Filmes "Der grosse Diktator" (1940), der seinerzeit immerhin auch in der Schweiz verboten wurde ... Ja, man hat Störungen halt nicht gern, man lässt sich nicht gern stören in seinen Geschäften, durch die Liebe schon gar nicht; auch eine Krankheit kann ja so störend sein. Wir lassen uns nicht gerne zum Umdenken zwingen, das möchten wir dann schon freiwillig von uns aus tun; und wir tun es nur, wenn es auch wirklich etwas bringt.

Komisch: Es sind doch die genaugleichen Mechanismen im Grossen und im Kleinen. Sie betreffen jene weinende Frau im Rollstuhl genau wie ganze Nationen und Völker. Warum bloss haben wir einen so weiten Weg, bis wir wirklich helfen können? Bis wir Kranke und Strahlengeschädigte annehmen können, wie sie sind? Da sind weite Wege zurückzulegen, bis wir anschauen können, was ist, und bis wir es annehmen und helfen können.

Tschernobyl darf nicht in Vergessenheit geraten. Green Cross Schweiz schreibt: "Im 15. Jahr nach dem Unglück haben rund 10 Millionen Menschen ernsthafte gesundheitliche Probleme wegen der anhaltenden Radioaktivitat in der Nahrungskette. Im Vergleich dazu litten in den ersten 12 Monaten "nur" einige Tausend unter der atmospharischen Verstrahlung. Kommt hinzu, dass sich die ökonomische Situation drastisch verschlechtert hat. Die Wirtschaft in den betroffenen Gebieten liegt am Boden. Viele gutausgebildete Menschen sind weggezogen, der Boden ist verseucht, gesundheitliche Schäden mindern die Leistungsfähigkeit. Die Menschen sind heute mehr denn je auf Hilfe aus dem Westen angewiesen." Das muss man wissen. Wer`s nicht weiss, kann nicht helfen. Wir müssen Krankheiten und Schädigungen, deren Auswirkungen und Verlauf, kennen, sonst können wir nicht helfen - und tun gar noch jemandem Unrecht an. Wer Hilfe braucht und ohne Hilfe bleibt, dem geschieht Unrecht.

Ich sehe die strahlengeschädigten Kinder, die zur Erholung in den Ferien im Kinderdorf Pestalozzi im appenzellischen Trogen weilten, vor mir. Bleich, keine 15 Jahre alt, nach der Katastrophe geboren also. Sie können nichts dafür. Aber wir können ein bisschen etwas dagegen tun! Ich probiere es - und winke Zweien, die grad schauen, herzhaft zu. Ein freudiges Lächeln kommt zurück, und sie winken mir auch! "Die RUSSEN kommen", hörte ich meinen Vater manchmal im Halbernst sagen. Er meinte die Armee. Gedankenversunken schaue ich jenen Kindern nach, die in Zweierkolonne an der frischen Bergluft durch`s Kinderdorf laufen: "Die Russen KOMMEN", denke ich, "anders, als es mein Vater manchmal im Herzen bewegte ... ganz anders." Wir sollten helfen und Freunde sein. Denn:

"Zwei sind auf jeden Fall besser dran als einer allein.
Noch besser sind dann drei; man sagt ja:
Ein Seil aus drei Schnüren reisst nicht so schnell."
(Prediger 4,9.12b)

Mich lässt eine Beispielgeschichte von Christoph Schmid nicht los: Ein Vater hatte sieben Söhne, die öfter miteinander uneins waren. Über dem Zanken und Streiten versäumten sie die Arbeit. Ja, einige böse Menschen hatten im Sinne, diese Uneinigkeit zu benutzen, um die Söhne nach dem Tod ihres Vaters um ihr Erbteil zu bringen. Da liess der alte Mann alle sieben Söhne zusammenkommen, legte ihnen sieben Stäbe vor, die fest zusammengebunden waren, und sagte: "Dem von euch, der dieses Bündel Stäbe zerbricht, zahle ich hundert grosse Taler."  Einer nach dem andern strengte alle seine Kräfte an, und jeder sagte nach langem vergeblichen Bemühen: "Es ist gar nicht möglich!" "Und doch", sagte der Vater, "ist nichts leichter!" Er löste das Bündel auf und zerbrach einen Stab nach dem andern mit geringer Mühe. "Ei", riefen die Söhne, "so ist es freilich leicht, so könnte es ein kleiner Knabe!" Der Vater aber sprach: "Wie es mit diesen Stäben ist, so ist es mit euch, meine Söhne. Solange ihr fest zusammenhaltet, werdet ihr bestehen, und niemand wird euch überwältigen können. Wird aber das Band der Eintracht, das euch verbinden soll, aufgelöst, so geht es euch wie den Stäben, die hier zerbrochen auf dem Boden herumliegen."


Predigtentwurf für einen Sonntag vor dem 26. April 2000
zum 14. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe
für Green Cross Schweiz, von Pfr. Jakob Vetsch

Ohne Hoffnung nicht

"Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker der Seele,
der auch in das Innere des Vorhangs hineingeht." (Hebräer 6,19)

Haben Sie Glück gehabt, oder sind Sie glücklos? Das ist manchmal die Frage im Leben. Es gibt die Pechvögel und die Glückspilze, Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens sitzen und solche, die sich mit der Schattenseite zufrieden geben müssen. 
In der ersten Gemeinde, in der ich als Pfarrer arbeitete, gab es den "Sunnyort" und die "Schattesiite", den Sonnenort drüben im Tal und die Schattenseite hierwärts gelegen. Es versteht sich von selbst, dass sich schon zu Schulzeiten Gruppen bildeten, die denselben Schulweg hatten und dementsprechend zusammenhielten. Man hätte jetzt meinen mögen, diejenigen auf der Sonnenseite seien durchwegs die glücklicheren und gesünderen Menschen gewesen, dem war aber nicht so. Wer seine Frau los sein wolle, der schicke sie nur getrost an die Märzensonne, hiess es da etwa. Die Erkältungsgefahr lauerte. Später schien mir manchmal, das sei im Leben auch so. Wo beste Bedingungen geherrscht hätten, war man gar nicht immer so glücklich, und wo man alle Gründe zum Wehklagen und Jammern gehabt hätte, fand man doch täglich eine kleine Freude, einen Aufsteller.

Demnach muss es etwas Wichtiges geben, das jenseits vom Glück zu Hause ist, etwas, das noch tiefer geht. Vielleicht ist es das, wovon jetzt die Rede sein wird. - Der Mensch könne wohl glücklos leben, aber ohne Hoffnung nicht, meinte der norddeutsche Lyriker und Novellist Theodor Storm (1817-1888). Wörtlich sagte er: "Wir können wohl das Glück entbehren, aber nicht die Hoffnung." 
So steht es also. Es scheint Menschen zu geben, denen fehlt nichts zum Glück, aber ihre Augen sind erloschen und ihr Atem ist ängstlich, denn sie haben keine Vision, keine Hoffnung, sie sehen keine Zukunft! Und anderen hat das Schicksal übel mitgespielt, kein Glück weit und breit, aber sie leben von ihren Träumen, sie entdecken das Grosse im Kleinen und den Schatz hinter dem Unscheinbaren, sie haben eine Perspektive, sie finden immer wieder Lebenssinn, sie tragen Hoffnung in sich!

Das ist eine sehr ernste Angelegenheit und zugleich das Schönste im Leben. Die Geschichte von den vier Kerzen weiss davon zu erzählen. - Vier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen. 
Die erste Kerze seufzte und sagte: "Ich heisse Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden. Sie wollen mich nicht." Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schliesslich ganz. 
Die zweite Kerze flackerte und sagte: "Ich heisse Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts mehr wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne." Ein Luftzug ging durch den Raum, und die zweite Kerze war aus.
Leise und sehr traurig meldete sich nun auch die dritte Kerze zu Wort. "Ich heisse Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie liebhaben sollen." Mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht. 
Da kam ein Kind ins Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: "Aber, aber, ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!" Fast fing es an zu weinen. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: "Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heisse Hoffnung." Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze - und zündete die anderen wieder an.

Da muss es also etwas Letztes geben, die Hoffnung, die man niemandem rauben darf, die man aber auch nicht organisieren oder gar kaufen kann. Und dennoch, es kann eben sein, dass alles andere weg ist, verloren, verdorben, und da ist das kleine Licht der Hoffnung noch, mit dem so vieles andere wieder angezündet werden kann. 
Wenn wir auf der Suche nach solcher Hoffnung sind, kann uns der Theologe und frühere Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, einen Weg zeigen. Wir lesen in seinem Tagebuch "Blumen für Stukenbrock": "Durch Jesus als dem Christus wissen viele von uns, dass es eine Hoffnung gibt. Eine unbeschreibliche, eine unbeschreibbare Hoffnung; eine Hoffnung, dass das Leben weitergeht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir selbst im Sterben nicht tiefer fallen können als in Gottes Hände hinein. Wenn wir dieses einmal ruhig, ganz ruhig sogar hören könnten, auch darüber nachdenken würden, uns auf diese Hoffnung einlassen könnten, dann ist vieles einfacher, vieles natürlicher, vieles menschlicher. Der auferstandene Herr ist uns selbst in unserer tiefsten Zerstörung der leidende Bruder geworden, einer von uns, am äussersten Rand, bei jedem Sterbenden, in allen Zwängen in die wir hineingeworfen sind. Ja - in der tiefsten Verstrickung von Schuld - ja selbst hier ist der Herr unter uns." 
Da geht Hoffnung sogar über den Tod hinaus, was auch bedeutete, mit ihr bis zum letzten Tag, zur letzten Stunde zu leben. Und aus ihr die Kraft zu schöpfen, aus jedem geschenkten Tag einen sinnvollen Tag zu machen. In der Nachfolge unseres Herrn Tränen zu trocknen, Lichter anzuzünden, ein bisschen praktische Liebe zu geben, etwas Kleines zu helfen statt über die grosse Ohnmacht zu klagen!

Ich schliesse mit einem tschechischen Wort: "Augen, die mit Hoffnung sehen, sehen weiter. Augen, die mit Liebe sehen, sehen tiefer. Augen die mit Glauben sehen, sehen alles in einem anderen Licht."


last update: 21.11.2015