CHRISTentum.ch
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EWIGKEITSSONNTAG


Jede Blüte will zur Frucht, 
Jeder Morgen Abend werden. 
Ewiges ist nicht auf Erden, 
Als der Wandel, als die Flucht. 

Auch der schönste Sommer will 
Einmal Herbst und Welke spüren. 
Halte, Blatt, geduldig still, 
Wenn der Wind dich will entführen. 

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht, 
Lass es still geschehen. 
Lass vom Winde, der dich bricht, 
Dich nach Hause wehen. 

Hermann Hesse


Predigten



Seligkeit

Heute muss ich Euch ganz am Anfang drei Beispiele erzählen:

1.) In der Südsee lebte ein alter Mann, seit Jahren krank und hilflos. Eines Tages schleppte er sich mühsam auf die Veranda seiner Grashütte, rief alle Dörfler zusammen und begann ein langes Lied zu singen, den Preisgesang seines Lebens. Er erzählte seinen Mitmenschen von all den vielen guten und schönen Dingen, die er im Laufe der Jahrzehnte hatte erleben dürfen. Gebannt lauschten die Inselbewohner. Als er fertig war, legten sie ihn in die Hütte zurück und flüsterten untereinander: "Seine Seele ist im Aufbruch..." An jenem Abend brachte ihm der Missionar von der benachbarten Mission einen Teller Suppe, einen ganz großen Teller voll dampfender Bohnensuppe. Der Greis griff zu; die Suppe schien ihm zu schmecken. Als er sie genommen hatte, wischte er mit der Linken über die Lippen, schmatzte zufrieden und legte den Löffel auf die Erde. Es sei das beste Süppchen gewesen, das er je gegessen habe, beteuerte er. Dann lehnte er sich zurück - und schlief ein. Er erwachte nicht mehr... Der Missionar war so gepackt, daß er vergaß, dem Alten die Sterbesakramente zu spenden. Im Nachhinein bereute er es nicht: "Ein Mensch", sagte er, "der am Ende seines Lebens seinem Schöpfer so froh und glücklich zujubelt, braucht keinen Trost mehr." 

2.) Von einem lieben, frommen alten Lehrer stammen folgende Worte, die er zwei Wochen vor seinem Heimgang im Alter von 82 Jahren in seinen Kalender schrieb: "Der schönste Augenblick im Leben kann nur der Augenblick des Sterbens sein, denn nur da bin ich fähig, meinen Körper loslassen zu können. Und gerade das Loslassen muß man solange man lebt üben, sonst kann das Sterben nicht ohne Schwierigkeiten vor sich gehen, solange die Seele sich nicht vom Körper, von materiellen Anhäufungen und Besitz trennen will. Jedes Loslassen ist eine Art von Befreiung, bis man eben als Letztes auch den Körper loslassen kann." 

3.) Von Karin E. Leiter, einer jungen, lebensfrohen Dichterin aus Österreich, die mit einer lebensbedrohenden Krankheit kämpft, stammen folgende Worte: 

"Wer hat gesagt, Du seist Tod-ernst, mein Freund?
Wer behauptet, Du würdest im Nacken sitzen?
Wer hat gesagt, Du seist der Feind des Lebens?
Freund Tod, ich werde ihnen erzählen, wie Du mich begleitest:
zart und treu mit einem Lächeln und voller Liebe.
Wenn es Dich nicht gäbe, wäre das Leben nicht.
Ich lebe und hoffe, ich fühle und bin, weil es Dich gibt -
Du Mittelpunkt zwischen meinem Leben hier und dort ..."

Soweit die drei Beispiele vom alten Mann in der Südsee, vom frommen Lehrer am Ende seines langen Lebens und von der jungen österreichischen Lyrikerin, deren Leben bedroht ist. Sie merken, worauf ich hinaus will: Meistens verbinden wir den Tod mit Angst und Schrecken, weil wir in diesem Leben nur sehen, was er uns nimmt - aber es gibt noch eine zweite, unsichtbare Seite, und die betrifft das, was er uns gibt: die Vollendung und Erfüllung des Lebens. Zwischen diesen beiden Brennpunkten spielt sich unser Leben ab; zwischen ihnen sind wir mehr oder weniger hin und her geworfen: Mal sehen wir das, was uns genommen wird und leiden darunter mit großen Schmerzen, mal kommt uns die große Chance des Unsichtbaren nahe - und wir merken: halt, die Vorausgegangenen schauen mit seligen und freudigen Augen in unsere Tränenaugen hinein. Zwischen diesen Brennpunkten leben wir, und wir tun gut daran, sie beide im Auge zu behalten, denn es gehört beides zum Leben: das Weinen und das Lachen, das Gewinnen und das Verlieren, die Trauer und die Freude. Wo nur eines von beiden da ist, da gestaltet sich das Leben nicht echt, da wird am Leben vorbeigelebt. Auch was unsere drei Beispiele anbelangt, dürfen wir sicher sein: diese Einsichten, diese Haltungen waren nicht schon von Anfang an da, sondern sie sind das Ergebnis eines langen oder intensiven Weges mit seinen Hoch und Tiefs. 
Da steckt beides drin, aber wichtig ist nun eben die Richtung des Weges, daß er im Ganzen betrachtet zur Seligkeit und zum wahren Leben führt! Wichtig ist das Versöhntsein und das Gewinnen und Verbreiten des Friedens, sodaß auch für andere Segen darauf liegen darf. Es ist so wichtig für uns und für andere, daß wir immer wieder das Gute im Leben erkennen, das uns letztlich aus der unendlichen Güte Gottes geschenkt wird. Ich weiss auch nicht immer warum, habe auch nicht in allen Situationen die Antwort auf diese bedrängende Frage bereit - und das wäre auch nicht gut so. Denn das Leben ist ein Weg, der nicht abgeschnitten werden soll, sondern abgeschritten sein will. Eines aber weiß ich ganz bestimmt: Gott gibt uns auf diesem Weg immer wieder seine Kraft, und er gibt uns immer wieder Chancen, uns zu ihm zu bekennen, das Gute zu sehen und die Seligkeit zu gewinnen. Immer wieder bietet er uns Hand dazu, bis ganz zum Schluss. Er läßt uns nicht allein; und in den Zeiten, in denen wir uns von ihm im Stich gelassen fühlen, trägt er uns am meisten. Er lässt uns nicht allein, er ist bei uns mit dem Trost Christi, der das alles auch durchgemacht und zu uns gesagt hat: 

"In der Welt habt ihr Angst; doch seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

Er läßt uns nicht allein, und er ist bei uns in lieben Freunden, die uns verstehen und helfen, und in guten Vorbildern, an denen wir Halt finden: Im alten Mann von der Südseeinsel, der zur vollkommenen Dankbarkeit fand; im frommen Lehrer, der das Leben loslassen konnte und es dadurch gewann; in der lebensfrohen Dichterin, die durch alles Harte hindurch, das ihr widerfährt, zur vollendeten Zärtlichkeit gelangt. An solchen Vorbildern im Glauben können wir uns festhalten und orientieren. Je nach Lebenslage spricht mal dieser Leitstern zu uns, mal jener. Wenn es Menschen sind, die ihren Weg im Glauben an Gott als Lebensweg gefunden haben und gegangen sind, dann kommt ihre Kraft aus der einen und unendlichen Kraftquelle: der Güte Gottes. Dann wirkt diese Kraft weiter, sie ist unvergänglich. Und sie verbindet uns mit diesen Vorbildern; sie verbindet uns mit Gott; sie verbindet uns mit unseren Lieben, woimmer sie auch seien; und sie verbindet uns untereinander, macht aus uns die Gemeinde Christi, die uns hält und trägt, in der wir aufgehoben und geborgen sind. Da herrschen nicht Einsamkeit und Verlorensein vor, nicht mal im Tod. Im Gottesvolk des Alten Testamentes starb man nicht einfach, sondern man "legte sich zu den Vorfahren", man "wurde versammelt zur Sippe". Der Einzelne war - im Leben und im Sterben - aufgehoben in der Gemeinschaft. Menschen gingen, andere kamen, das Leben verging, und es ging doch weiter. Die Gemeinschaft blieb in jedem Fall bestehen, denn das Leben gründet in Gott. 
Bei unserem grenzenlosen Individualismus ist das freilich schwer zu verstehen. Wir können diese heilvolle Sicht der Dinge aber zurückgewinnen, wenn wir es einüben, weniger uns selbst und viel mehr das Leben als solches im Blick zu haben. Einfach leben: sinnvoll arbeiten, Kranke besuchen, Junge ermuntern, Freunde stärken, Tieren helfen, für die Gerechtigkeit eintreten, die Wahrheit sagen, sich selbst vergessen, einander trösten, Freude haben, eine Kerze anzünden, ein gutes Buch lesen, die Sterne anschauen in der Nacht... Da gibt es so vieles, das wir tun können. Da gibt es so vieles, aus dem wir auswählen dürfen. Christus ist uns diesen Weg vorausgegangen. - Und vergeßt die Freude nicht dabei - denkt an das Ährenraufen am Sabbat und daran, daß Jesus gerne mit seinen Lieben zusammengesessen ist und gegessen hat. "Geh hin und iss dein Brot mit Freuden", rät der weise Prediger Salomo. Denkt daran, daß er oft unterwegs war, zwischen den Dörfern gewandert ist; und daß er viel gebetet hat. "Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch", lesen wir im Neuen Testament. Öffnet täglich eure Herzenstüren, dann kommt sein Geist in unser Leben hinein. Dann dürfen wir uns auch freuen auf die Adventszeit, die uns Trost und neues Leben bringen will. 


Baum-Gleichnis
Kreuzmeditation
Wach auf, der du schläfst!
Zukünftige Stadt


last update: 15.11.2015