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Schätze


Herbststimmung am See
Foto: Jakob Vetsch, 1991



Abschiedspredigt von Pfarrer Jakob Vetsch

20. Oktober 1996, Wartau-Gretschins SG

"Ich will dir Schätze geben"

Eine Abschiedspredigt sollte wohl zusammenfassen, um was es ging. Bilanz kann sie nicht sein. Denn wir haben es nicht mit Messbarem zu tun. Wie es einem so geht, machte ich in Gedanken hin und her, und es ist mir vieles in den Sinn gekommen, wie Euch jetzt in dieser Stunde auch. Aber was für einen Text sollte ich nehmen? Welche Worte der Bibel würden ausdrücken, was wir miteinander getan haben die 14 Jahre? Das schien mir gar nicht so leicht ... Nun, ich schaute nach dem Abschnitt, welcher das Kirchenjahr für diesen Sonntag vorsieht, und ich fand die wundervollen Worte aus dem Prophetenbuch Jesaja (45,1-7):

"So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, zu Cyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe, und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht verschlossen bleiben: Ich will vor dir hergehen und das Bergland eben machen, ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen und will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode, damit du erkennst, dass ich der Herr bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels. Um Jakobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen und gab dir Ehrennamen, obgleich du mich nicht kanntest. Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, kein Gott ist ausser mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre in Ost und West, dass ausser mir nichts ist. Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der Herr, der dies alles tut."

Wenn auch diese Worte des Herrn in eine ganz andere Situation zu Cyrus gesprochen wurden, blieben sie mir doch haften: 

"Ich will dir Schätze geben ... obgleich du mich nicht kanntest ... obgleich du mich nicht kanntest!" 

Redet hier nicht schon im Alten Testament der gnädige Gott Jesu, der helle Gnade übt an Menschen, die ihn gar nicht kennen? der Schätze bereithält und an uns denkt, bevor wir an ihn denken und ihn loben und preisen können? Sind diese Worte nicht eine gute Botschaft, reines Evangelium, frohe Nachricht von Gott, dem wir nicht gleichgültig sind und der Gutes an uns tun möchte? 

"Ich will dir Schätze geben ... obgleich du mich nicht kanntest ... obgleich du mich nicht kanntest!"

Wir haben diese Schätze immer wieder erhalten: Als wir dem Vorkommen der Tiere in der Bibel nachforschten ("Wolf und Lamm"); als wir sahen, wie Gott durch Kinder spricht ("Davids Harfenspiel"); als wir hinter den geschaffenen Lichtern von Sonne, Mond und Sternen den glänzenden Morgenstern - Jesus Christus - entdeckten ("Staunend sah er den Sternenbogen"); als wir mit Franz von Assisi durch die verschlungenen Menschenpfade den lichten Weg erkannten, der auch die Wahrheit und das Leben ist; und als wir Perlen aus dem Dichterwerk von William Wolfensberger herausgriffen und sie im Lichte der Heiligen Schrift betrachteten ("Leid und Reife") - um einige Anhaltspunkte zu nennen. Bei all dem nicht allein zu sein, das war uns wichtig. Kirche kann diese Geborgenheit vermitteln, diese Gemeinschaft, die unterwegs ist, die Gott nicht hat, die aber immer wieder Gottes Nähe erfährt - gerade ein bisschen zu wenig, um träge und zufrieden stille zu stehen, gerade genug aber auch, um Hinweis auf Gott zu sein, ja um vom Dasein und vom Wirken Gottes auf Erden zu zeugen. Und das hat mit einzelnen Menschen - mit ihren Gesichtern und Händen, mit ihren Füssen und Bewegungen - zu tun, aber es hängt nicht von ihnen ab. Das Angebot Gottes bleibt, sein lebendiges Wort bleibt in Ewigkeit, die Gemeinde bleibt, die Kirche bleibt. Hier in Gretschins und überall auf der ganzen Welt. Woimmer wir uns aufhalten. Auf die Gemeinschaft mit Gott und seinen Menschenkindern müssen wir nicht verzichten. Im Gegenteil: wir sollen sie in Anspruch nehmen!

"Ich will dir Schätze geben ... obgleich du mich nicht kanntest ... obgleich du mich nicht kanntest!"

Drei solche einzelnen Schatzerfahrungen möchte ich nun herausgreifen:

1.) Im deutschsprachigen Internet habe ich einen Satz von Father John Ealy portiert, den er am 8. Mai 1996 in der englischen Zeitung "The Times" geäussert hat: "If the Son of God were alive today, he would be on the net communicating with people all over the world." ("Wenn der Sohn Gottes heute leben würde, wäre er im Netz und würde sich mit Menschen über die ganze Welt hinweg verständigen.")
Vor drei Wochen, am 29. September 1996, hat mir ein Internet-Benützer geschrieben, er sei ganz und gar nicht einverstanden mit Father John Ealy, denn: "The Son of God IS alive today. He IS on the net and, through others, He is communicating with people all over the world." (´"Der Sohn Gottes LEBT heute. Er IST im Netz, und Er verständigt sich, durch andere, mit Menschen über die ganze Welt hinweg.") 
Dieses Bekenntnis zu Jesus im Netz hat mich tief beeindruckt. Es stammt aus der Tastatur und dem Herzen eines behinderten, älteren, schwer geprüften Menschen, für den es zweifellos ein Segen ist, sich via Internet verständigen zu können. Ich bin davon überzeugt: Jesus wandelt auch über das Datenmeer, er lebt und wirkt auch durch das Medium des Internets.

2.) Eine Katechetin mitten in der Stadt Zürich arbeitete vor einiger Zeit mit ihren 3.-Klass-Schülern am Thema "Weg". Sie wissen, dass Jesus gesagt hat: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben".
Nun stellte jene Religionslehrerin ihren Primarschülern die Aufgabe, darüber nachzudenken, welches für sie der liebste Weg sei. Mit Spannung erwartete sie die Antworten zurück - und war nicht schlecht verblüfft, als auf den meisten Zetteln dasselbe stand, nämlich: "Mein Heimweg"! 
Was jene Kinder noch nicht wissen: Unser Weg ist von Geburt an ein Heimweg ... Und "daheim" sind wir auf dieser Erde dort am ehesten, wo wir verstehen und verstanden, wo wir lieben und geliebt werden. Das ist Heimat.

3.) In unserer Kirchgemeinde versorgen Leute von der Bibelverteilungsgesellschaft der Gideons die Präparanden regelmässig mit kleinen, handlichen Neuen Testamenten. 
Da gab`s zwei Überraschungen: Ein Mädchen kam in der nächsten Stunde und erkundigte sich, ob es noch so ein Testamentchen haben könne. Denn ihr Nachbarmädchen sei katholisch, habe keines erhalten und hätte gerne auch eines! Wenige Wochen, nachdem die Klassen die Gideons-Bibeln erhalten hatten, erschien ein Junge, und mit einemmal brodelte es verschmitzt aus ihm heraus: "Ich habe das ganze gelesen!" Wir waren wie vom Donner gerührt und dachten zuerst, er will uns "vera......" - pardon! - "veräppeln". Doch dann hörten wir den Satz: "Es ist wahr." Und nicht nur das, sondern auch noch: "Ich finde es gut und spannend!"

"Ich will dir Schätze geben ... obgleich du mich nicht kanntest ... obgleich du mich nicht kanntest!"

Drei Beispiele haben wir gehört: Der behinderte, ältere Internaut, der völlig unvermittelt - und wohl auch für ihn selber überraschend - zu einem ganz gewaltigen Jesus-Bekenntnis findet, das wir nun im ganzen Netz bekanntmachen; die Stadtschüler, die ihren Heimweg liebhaben; und die Präparandin, die das Gideons-Bibelchen ihrer Nachbarin besorgen möchte, sowie der Präparand, der das ganze Neue Testament durchgelesen hat und interessant findet. Und die Zusage Gottes an uns Menschen bleibt: Er will uns Schätze geben, auch wenn wir ihn nicht kennen. Aber wir dürfen und sollen ihn kennenlernen - und dies auch weitergeben! Das rettet Menschen in Seine Gemeinschaft hinein, und es verbindet uns über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg.

Ich habe zu danken: Euch allen für alles! Besonders all denen, die ihren Pfarrer nicht allein lassen und die durch ihre Gegenwart und ihr Dabeisein mithelfen, die immensen Schätze des Glaubens, die Gott für uns bereithält, zu heben. Denen, die mich im Gebet unterstützen. Meinen Mitarbeitern für die hervorragende Arbeit. Sowie meiner ganzen Familie, die sehr viel für mich und die Gemeinde getan hat. 
Dieselben Hände, die zum Geben sich öffnen, empfangen auch die Schätze des Herrn. - Darum haltet die Hände offen! Dieselben Herzen, die zum Vergeben sich öffnen, erlangen auch Vergebung. - Darum haltet die Herzen offen! Seid allezeit bereit, und lebt jeden Tag so, als ob es der letzte auf Erden und der erste im Himmel wäre. 
Öffnet Eure Türen aber nicht denen, die Gott spotten oder die intrigieren möchten. Öffnet sie nicht denen, die sektierern und das Evangelium und die Landeskirche dazu missbrauchen wollen, über andere Macht auszuüben und besser als andere zu sein. Seid vorsichtig mit denen, die bloss recht haben wollen - denn Recht hat, wer mehr liebt!

Ich schliesse mit Worten von Ernesto Cardenal aus dem soeben erschienenen Bändchen "Das Gesetz der Liebe" (kiefel, 1996, S.42):

"In der ganzen Natur finden wir die Initialen Gottes, und alle erschaffenen Wesen sind Liebesbriefe Gottes an uns. Die ganze Natur steht in Flammen der Liebe, geschaffen durch die Liebe, um die Liebe in uns zu entzünden. Und es gibt keinen anderen Grund für die Existenz aller Wesen; sie haben keinen anderen Sinn und können uns keine andere Befriedigung gewähren als dies: in uns die Liebe Gottes zu entzünden. Die Natur ist wie ein Schatten Gottes, ein Widerschein und Abglanz Seiner Schönheit. Der stille blaue See ist ein Widerschein Gottes. Seine Fingerabdrücke finden sich auf jedem Partikel der Materie. In jedem Atom wohnt ein Bild der Dreifaltigkeit, eine Figur des dreieinigen Gottes. (Und darum macht uns Deine Natur so verrückt, o mein Gott!) Und auch mein eigener Körper ist erschaffen für die Liebe zu Gott. Jede einzelne meiner Zellen ist ein Hymnus auf den Schöpfer und eine immerwährende Liebeserklärung."


Predigt 30. Januar 1994 - Pfarrer Jakob Vetsch

Sammelt euch Schätze im Himmel

"Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie zunichte machen und wo Diebe einbrechen und stehlen! Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie zunichte machen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen! Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein."
(Matthäus 6,19-21)

Liebe Gemeinde!

Der Mensch, der ins Leben hinausgeht, um die Welt zu entdecken, sieht Schönheiten und Schätze, an denen er Gefallen findet. Das ist ein erster, wichtiger Schritt. Die Sinne zu schärfen für das Schöne und Gute, die Schätze dieser Erde überhaupt wahrnehmen können und ihnen Sorge tragen, frei sein für das, was die Natur uns zu bieten hat und was wir daraus zu machen vermögen, das Leben gestalten mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, das braucht es, das müssen wir können. Zu uns Menschen ist ja von Anbeginn her gesagt: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen!" Und das sollen wir auch so halten.
Dann gibt es aber einen Punkt, wo die Wahrnehmung dieses Auftrages in ihr Gegenteil umschlagen kann. Dann nämlich, wenn es uns "den Ärmel hineinnimmt". Wenn wir nicht mehr aufhören und uns freuen können, wenn wir immer mehr haben müssen, wenn die Leidenschaft uns im Griff hat und nicht mehr wir sie, wenn wir zu Untertanen werden und nicht mehr die Erde uns untertan ist, wenn wir nicht mehr frei sind. Dann spätestens wissen wir: wir sind zu weit gegangen, es tut uns nicht mehr gut, wir sind uns und anderen zur Plage geworden statt eine Freude zum Lobe Gottes zu sein. Was so schön begonnen hat, droht jetzt  zu misslingen.
Das soll uns nicht niederdrücken, sondern zeigen, dass jetzt ein weiterer Schritt wichtig ist, der den Weg in die Zukunft wieder neu bahnt: Die Umkehr. Dieser Schritt öffnet uns eine neue Welt, ein neues Reich. Da ruft Jesus: "Sammelt euch Schätze im Himmel!" 
Dazu ist mir eine Geschichte aus alter Zeit in die Hände gekommen, die ich jetzt lesen will:

König Darius also schaut ins Grab, in die Vergänglichkeit hinein, ins Nichts, und die Armut soll ihn diesen Schritt der Umkehr in eine neue Welt, in ein neues Reich hinein lehren, ein so ganz anderes Reich, als er es sich gewohnt ist, mit einem ganz anderen Reichtum. "Sammelt euch Schätze im Himmel!" ruft Jesus, sammelt euch Schätze der Unvergänglichkeit, der Ewigkeit! Das ist so etwas ganz anderes, ein Hinweis auf ein anderes, neues Leben. Und die eigentliche Lehrmeisterin ist nicht die grosse Königin Semiramis, deren Weisheit Darius darauf lenkt, die eigentliche Lehrmeisterin heisst Armut.

Armut bedrückt, sie ist ein Mangel, etwas das weder sein sollte noch müsste, wenn wir mit den Gütern dieser Erde umzugehen wüssten. Armut kann aber für den, der zu weit gegangen ist, dem es den "Ärmel hineingenommen" hat, der nicht mehr frei ist und am Lebenssinn vorbeischiesst, die Lehrmeisterin zum wahren Leben sein. So erscheint Armut nicht als Mangel, sondern als Qualität, als Wegweiser zum Leben für denjenigen Menschen, der sonst am Leben vorbeieilte und es verlieren würde.
Jesus spricht die Armen selig, indem er ihnen eben das Reich Gottes in Aussicht stellt: "Selig seid ihr Armen; denn euch gehört das Reich Gottes." 

Der Sohn aus begütertem Hause, Franz von Assisi, verzichtete zum Leidwesen seines Vaters auf Stand und Besitz und verschrieb sich in der Nachfolge Jesu ganz der Armut, von der er als seiner "edlen Herrin" zu reden pflegte. 

Und der bedeutendste indische Dichter und Philosoph der Neuzeit, Rabindranath Tagore, sagte: "Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können."

Dieses andere Denken Gottes wird uns schon offenbar im Jesus-Kind in der Krippe, das den Reichtum in der Armut zeigt, die Gottheit in der Wehrlosigkeit und im Ausgestoßensein. Das Kleine ist gross. Als Arme sind wir reich. Wenn wir mit leeren Händen kommen, dann kann Gott uns geben.

"Sammelt euch Schätze im Himmel!" sagt Jesus. Und wenig später redet er in seiner Bergpredigt weiter: "Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Sorget euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? Euer himmlischer Vater weiss ja, dass ihr all dieser Dinge bedürft. Suchet vielmehr zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit! dann werden euch alle diese Dinge hinzugefügt werden."

Schätze im Himmel, die unvergänglich sind und einem nicht genommen werden können, sammeln wir in der Nachfolge Jesu. Wir sammeln sie, wenn wir uns auf Gott verlassen, wenn wir umkehren und eine Umkehr der Werte vornehmen. Wir sammeln sie in der unsichtbaren Welt, die ewig ist, im Reiche Gottes. 
Schätze im Himmel sammeln wir beim Blick auf die Armut, im Verzicht, in der Hilfe, in der Selbstaufgabe, immer dort, wo wir uns selbst vergessen und dem Guten anhangen können. Wir sammeln sie in der Nachfolge Jesu, wenn es uns um das Kind geht, wenn der Bedrängte den Vortritt hat, wenn der Kranke Zeit erhält. Schon beim Propheten Micha heisst es: 

"Es ist dir gesagt, o Mensch, 
was gut ist und was der Herr von dir fordert: 
nichts als Recht üben und die Güte lieben 
und demütig wandeln vor deinem Gott."

So wird uns Jesus lieb, und wir wachsen in den Reichtum hinein, der vor den Augen dieser Welt nichts gilt, aber unvergänglich ist im Reiche Gottes. 

Amen.


Predigt:
Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefässen


last update: 25.08.2015