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L e b e n


Es ist im Menschenleben wie bei meinen Immi (Bienen): Ich stelle ihnen im Frühling die Rähmli in den Kasten, bauen müssen sie selber. Es ist mir, Gott gebe und bestimme jedem Menschen seinen Lebensrahmen, ausfüllen muss ihn der Mensch selber. Das Rähmli zeigt den Immi, wo sie anfangen sollen und aufhören müssen. Die Rähmli aber können sie nicht selber machen.
"Mein Nachbar Hidschi", von Pfr. Emil Marty, 1895-96 in Serneus GR (Zitiert in: Jakob Vetsch, Das Gotteshaus zu Serneus, Klosters 1979)

Eine gute Herkunft hat ihm geschenkt: die Anlage zur Freundlichkeit, zum Vertrauen. Seine gute Sehnsucht ist gewesen: das barbarische Verlangen nach Ungleichheit, höchster Vernunft und Einsicht. Hinzuerworben hat er nur die Erfahrung, dass die Menschen sich an einem verginge, dass man selbst sich auch an ihnen verging und dass es Augenblickte gibt, in denen man grau wird vor Kränkung - dass jeder gekränkt wird bis in den Tod von den anderen. Und dass sich alle vor dem Tod fürchten, in den allein sie sich retten können vor der ungeheuerlichen Kränkung, die das Leben ist. 
Ingeborg Bachmann, Das dreissigste Jahr

Am Beginn seines Filmes "Annie Hall" erscheint Woody Allen auf der Leinwand und sagt, das Leben erinnere ihn an das Gespräch von zwei jüdischen Frauen. 
Die eine sagt: "Das Essen ist gar nicht gut." 
Die andere antwortet: "Und noch dazu sind die Portionen zu klein."
So ist es mit dem Leben, sagt Woody Allen, teils schmeckt es nicht gut, und zum anderen ist es viel zu kurz. 
Andrew Greeley, Religion in der Popkultur

Frage nicht mehr nach dem Wert des Lebens, sondern nach dem Werte, den du deinem Leben geben kannst!
Bo Yin Râ (Joseph Anton Schneiderfranken, 1876-1943)

Reiss keine Blume, kein Blatt ab! Siehst du ein Pflänzchen, auch das gewöhnlichste, vor dir auf deinem Pfade, tritt so, dass du es nicht zertrittst, wenn du es vermeiden kannst! Gehst du mit Kindern in die Natur, lass sie nicht gedankenlos Blumen brechen, schon in der ersten Stunde, die dann in den heissen Händchen welken und die sie dann, weil sie ihnen unbequem werden, achtlos wegwerfen, sondern wage, sie von den ersten Jahren an zur Ehrfurcht vor dem Leben zu erziehen! Mache dich meinetwegen vor gedankenlosen Menschen lächerlich, die über solche Marotten spotten. Aber die Kinder werden von dem Schauer des Geheimnisses ergriffen werden und dir einmal danken, dass du die grosse Melodie der Ehrfurcht vor dem Leben in ihnen geweckt hast. Die Spottenden selbst aber werden von der elementaren Wahrheit in dem, was sie ungewohnt berührt, mehr bewegt, als sie zugestehen werden.
Albert Schweitzer

Schafft euch ein Nebenamt, ein unscheinbares, womöglich ein geheimes Nebenamt! Tut die Augen auf und suchet, wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht. Vielleicht ist es ein Einsamer, ein Verbitterter, ein Kranker, ein Ungeschickter, dem du etwas sein kannst. Vielleicht ist's ein Greis, vielleicht ein Kind. Wer kann die Verwendungen alle aufzählen, die das kostbare Betriebskapital, Mensch genannt, haben kann! An ihm fehlt es an allen Ecken und Enden. Darum suche, ob sich nicht eine Anlage für dein Menschentum findet. Lass dich nicht abschrecken, wenn du warten oder experimentieren musst. Auch auf Enttäuschungen sei gefasst. Aber lass dir ein Nebenamt, in dem du dich als Mensch an Menschen ausgibst, nicht entgehen. Es ist dir eines bestimmt, wenn du nur richtig willst.
Albert Schweitzer

Vollkommenes Glück und Zufriedenheit freilich dürfen wir in diesem Leben nicht erhoffen. Es muss immer etwas geben, das uns auch inmitten der Freuden daran erinnert, dass wir für eine vollkommenere Freude geschaffen sind, die wir nicht hier auf Erden finden werden. 
Johannes XXIII.


Einem Mann in Frankreich starben Frau und Kinder. Wofür sollte er noch leben? So lässt er seinen Bauernhof in einer fruchtbaren Ebene zurück und zieht mit seinen Schafen in eine trostlose Gegend, in die Cevennen, fast eine Wüstenlandschaft. Dörfer mit zerfallenen Häusern, mit unglücklichen Menschen. Der Mann erkennt: Diese Landschaft wird sterben, wenn keine Bäume wachsen. So besorgt er sich Eicheln. Die guten legt er in einen Eimer Wasser, damit sie sich vollsaugen. Dann zieht er los, stößt mit einem Eisenstab in die Erde, legt Eicheln hinein, da und dort. Nach drei Jahren hat er mehr als hunderttausend Eicheln in die Erde gesetzt. Wenn nur zehntausend aufgehen, denkt er. So verbringt er den Rest seiner Jahre. 
Und als er 1947 mit 89 Jahren stirbt, hat er wunderschöne Wälder geschaffen, die schönsten Frankreichs. Drei Wälder von 11 km Länge und 3 km Breite. Was damit geschah? Die Wurzeln halten das Wasser fest, in den Bächen fließt wieder Wasser, es gibt wieder Wiesen und Blumen, die Vögel sind zurückgekehrt, und die Dörfer sind wieder schön. Die Leute, die da wohnen, denken nicht mehr an den Mann, dem sie das alles verdanken. 
Matthias Utters nach J. Giono


Quo vadis?

Heute bin ich einem Idioten begegnet, einem freundlichen, unbeschwerten. "Wohin gehst du?" fragte er mich. Ich nannte ein Nachbardorf. "Wohin gehst du?" fragte er nochmals. Ich lachte - er lächelte auch. Ich nannte nochmals das Dorf. "Wohin gehst du?" fragte er abermals. 
Da ward ich unsicher, und während ich weiterging, frug ich mich selber: "Wohin gehst du?" 
Jakob Fuchs, Quo vadis


Du wagst es der Mensch zu sein, der Du bist: unfertig, aber doch glücklich, unsicher im Neuen und doch wissbegierig, manchmal ängstlich in Entscheidungen, verwirrt im Überangebot der Ideen, doch auch begeistert von Kleinigkeiten. Zweifelnd und zögernd, dann wieder mutig und ernst, verzaubert von Worten oder schweigsam zurückgezogen. Manchmal zerrissen und voller Widersprüche, aber auch einseitig und naiv. Und noch vieles mehr bist Du, oft nicht genau zu beschreiben.

Du wagst es, dich selbst so anzusehen, so zu lieben, wie Du bist und dich auch so zu zeigen, ob Du nun dafür geliebt wirst oder nicht.

Schaffer 


last update: 13.08.2005