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Glückliches Menschenherz!
NACHPREDIGTEN ZU HEINRICH LANG


Palmsonntag
Gibt es Gerechtigkeit?


"Glückselig der Mensch, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen,
und nicht steht auf dem Wege der Sünder, 
und nicht sitzt auf dem Sitze der Spötter, 
sondern Lust hat am Gesetz des Herrn 
und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht! 
Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, 
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, 
und dessen Blatt nicht verwelkt; 
und alles was er tut, gelingt. 
Nicht so die Gesetzlosen, 
sondern sie sind wie die Spreu, die der Wind dahintreibt. 
Darum werden die Gesetzlosen nicht bestehen im Gericht, 
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. 
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten; 
aber der Gesetzlosen Weg wird vergehen."
(Psalm 1)

Ein König baute einen wunderschönen Palast. Mittendrin befand sich der herrlichste Saal, in dem die Feste gefeiert werden sollten. Nur etwas fehlte ihm noch: Seine Wände waren kahl und schmucklos. 
Der König rief alle Künstler zusammen, damit sie ihm Vorschläge zur Behebung dieses Mangels unterbreiteten. Der schönste Entwurf wurde angenommen. So saß der Künstler viele Wochen an einer Längswand und malte dort sein Bild. Als er fertig war und seine Arbeit dem König und dem Hof vorstellte, zeigten sich alle dermassen begeistert, daß der König dem Künstler auch den Auftrag für die andere Längsseite des Saales erteilte. Dieser nahm an - aber ehe er sich an die Arbeit machen konnte, verstarb er zur großen Bestürzung aller. 
Wieder rief der König die Künstler zusammen, zeigte ihnen die bemalte Wand und fragte, wer es sich zutraue, ein ebenbürtiges Gemälde auf die gegenüberliegende Fläche zu malen. Alle schüttelten den Kopf und lehnten ab. Nur einer meinte, er traue es sich zu. Aber er stellte zur Bedingung: Der Saal sollte in der Mitte längsweise durch einen Vorhang geteilt werden, und niemand dürfe den Saal betreten, ehe er nicht seine Arbeit für vollendet erklärt hätte. Seiner Bitte wurde entsprochen, und der Künstler machte sich an die Arbeit. Endlich kam der ersehnte Tag, an welchem der König und sein Hof in den Saal bestellt wurden. Der Vorhang fiel. Alle brachen in ein lautes "Ah!" aus. Sie sahen ein Gemälde, das in nichts hinter dem ersten zurückstand. 
Aber auf den zweiten Blick verwunderten sie sich doch, denn was nahmen sie wahr? Das gleiche wunderbare Bild der ersten Wand... in makelloser Schönheit... Unmut kam auf, Enttäuschung nahm die Stelle der Begeisterung ein, man fühlte sich betrogen. - Was war geschehen? Der Künstler hatte die zweite Wand mit viel Mühe zu einem Spiegel bearbeitet, der völlig klar und glatt das erste Werk Punkt für Punkt widerspiegelte. 
Der Künstler trat mutig vor, verneigte sich und erklärte: "Mein König, als ich das erste Gemälde sah, wußte ich gleich, daß niemand in der Lage sein würde, ein ähnlich schönes zu malen. Da dachte ich, das Bild ist so schön, daß man es auch ein zweites Mal sehen kann, nämlich als Spiegelbild." 

Diese feine Erzählung verdanken wir der Theologin und Psychotherapeutin Hanna Wolf. Als sie in den dreissiger Jahren als Missionarin nach Indien gekommen war, traf sie bereits Christen an. Sie nannten sich "Hindu Jünger Jesu". Unter diesen indischen Christen wurde die Geschichte weitergegeben, um die Menschen zu ermutigen, Spiegelbilder Gottes zu sein. Jeder solle dem andern zum "Christus" werden, hat Martin Luther einst gesagt. Natürlich sind viel Reiben und Polieren nötig, bis wir zu einem solchen Spiegel geworden sind. Aber es lohnt sich, denn:

"Glückselig der Mensch, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen,
und nicht steht auf dem Wege der Sünder, 
und nicht sitzt auf dem Sitze der Spötter, 
sondern Lust hat am Gesetz des Herrn 
und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!
Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, 
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, 
und dessen Blatt nicht verwelkt; 
und alles was er tut, gelingt." 

Darauf bezieht sich Matthias Claudius im Brief an seinen Sohn Johannes, in dem er sein geistliches Vermächtnis festhält: "Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die elendesten unter allen Kreaturen. Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheint und wärmt, wenn sie auch nicht redet."
Eine deutliche Sprache spricht auch der Apostel Paulus in seinem ersten Korintherbrief: 

"Laßt euch nicht verführen: Böser Verkehr verdirbt gute Sitten."

Die Warnung ist sicher nicht müßig. Wie viele junge Menschen geraten ins Verderben, weil sie sich - meistens aus lauter Einsamkeit! - falscher Gesellschaft anschließen und oft von ruchlosen Erwachsenen, von Schurken und Halunken, denen nichts heilig ist, ausgenützt werden. Wie viele geraten in Schwierigkeiten, weil sie es gut meinen und anderen helfen wollen. Die Sekretärin eines Scheidungsanwaltes gestand mir einmal: "Der häufigste Satz, den ich in all den Scheidungsprotokollen zu tippen habe, heißt: Ich habe gedacht, ich könne ihn ändern."
Wie manches Mal gilt am Schluß die bittere Erkenntnis: Du kannst ihn nicht ändern, er ändert Dich! Die Aufforderung ist nicht überflüssig. Aber: stimmen die Worte vom Baum noch, die nachher kommen? Mit Unbehagen lese ich sie. Wir sehen und spüren es oft: Der Fromme ist eben nicht immer wie ein fester Baum! Denken wir an Jesus: Der Weg von Palmsonntag (dem jubelnden Empfang) bis zu Karfreitag (der schmählichen Hinrichtung) ist kurz. Umgekehrt geht es den Frevlern oft erstaunlich lange gut. 
Verständlicherweise stellt Heinrich Lang die Frage: 

"Gibt es eine göttliche Gerechtigkeit oder gibt es keine? Wird der Sünder bestraft und der Gute belohnt? Stehen Glück und Unglück in einem Verhältnis zu der Würdigkeit oder Unwürdigkeit eines Menschen?... Der Gerechte ist glücklich, der Sünder ist unglücklich - das ist die noch ganz allgemeine Antwort, welche uns der erste Psalm gibt. Und wir begreifen wohl, daß diese Antwort die Menschen gänzlich befriedigte in jenen ältesten, einfachen, im Ganzen noch glücklichen Zeiten unseres Geschlechtes, wo noch nicht der Schmerz des Daseins und die Widersprüche des Lebens so schwer auf den Gemütern lasteten, wie in unserer zerrissenen Zeit."

Heinrich Lang sah es kommen, daß der Bemühte in Konflikte gerät und daß es Gewissenlosen überraschend gut geht. Die Philosophie des schönen Psalteranfangs ist erschüttert. Aber nicht erst jetzt. Schon in Psalm 73,3 bekennt der Sänger: 

"Ich beneidete die Übermütigen, 
als ich sah die Wohlfahrt der Gesetzlosen."

Auch Hiob fragt nach der Gerechtigkeit im Leben, und seit Jesus wissen wir´s: Es kann auch anders kommen. Leid und Unglück können Unschuldige treffen. Nur Pharisäer merken´s nicht und fragen angesichts des Blindgeborenen, wer nun gesündigt habe, er oder seine Eltern? Dorothee Sölle spricht von "theologischem Sadismus". Da wird nicht mitgelitten, da wird Religion als Machtmittel, als Mittel, sich über andere zu erheben, mißbraucht. Das ist sicher nicht im Sinne Jesu. Er selber hat unschuldig gelitten. Aber: Hat sich da nicht Gott gezeigt? Gibt es nicht eine andere Gerechtigkeit, die sich nicht aufrechnen lässt? 
In einem zweihundertjährigen Werk lese ich: "Der Tod macht die Menschen gleich. Die Ewigkeit weist dem Menschen seinen wahren Teil an. Die Gerechtigkeit zaudert, aber ist unwandelbar. Der gerechte Mensch findet sich an seiner Stelle, und der Bösewicht an der seinigen." 
Ja, die Gerechtigkeit zaudert, aber sie ist unwandelbar. Die Gerechtigkeit ist nicht mit Händen zu greifen, aber sie läßt sich auch nicht mehr verdrängen. Auf dem Hintergrund der Ewigkeit ist sie beschlossen. Da gibt es kein Entrinnen. Diese Gerechtigkeit sieht Heinrich Lang im Menschenherzen von Gott angelegt. Über den Frevler meint er: "Mag er so fest dazustehen scheinen wie ein Palast, er ist doch innerlich zerfallen und zerrissen." Und über den um die Gerechtigkeit Bemühten: "Dagegen der Fromme erfährt Gott als liebenden Vater; das Reich Gottes ist in ihm als Friede und Freude im heiligen Geist, als Friede Gottes, durch den es still wird in dem sonst so stürmischen Menschengemüte."

Damit sind wir wieder bei der Verheißung unsres Psalms angelangt. Sie gilt demjenigen, der das Gesetz liebt. Gesetz, Thora heißt eigentlich Weisung. Das tönt nicht nur nach Recht, sondern auch nach Richtung und Weg. Die Bibel erzählt von Wegerfahrungen und Weggemeinschaft, von Wegverfehlungen und wie der Gott Jesu Verirrten nachgeht und sie zurückholt. Und dann gibt´s ein Fest. Feste feiert der Gott Jesu gern. Wir wissen´s vom verlorenen Sohn her und von der Hochzeit zu Kana. Und wir sind dazu eingeladen - trotz und gerade angesichts der bedrängenden Gerechtigkeitsfrage. Einfach so. Damit sich die Güte Gottes in unseren Menschengesichtern widerspiegelt, wie jenes schöne Gemälde im Spiegel des zweiten Künstlers ...