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Herbst


Herbst im Toggenburg
Foto: Stana Vetsch, 2002


Wechsel

Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen, aber man sieht auch Früchte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.

Johann Wolfgang von Goethe

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. 
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, 
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; 
gib ihnen noch zwei südlichere Tage, 
dränge sie zur Vollendung hin und jage 
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr;
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)


Die Blätter fallen wie von weit

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke



Am Karpfensee ob Mels im sanktgaller Oberland
Foto: Jakob Vetsch, 1991

Ewiges ist nicht auf Erden

Jede Blüte will zur Frucht, 
Jeder Morgen Abend werden. 
Ewiges ist nicht auf Erden, 
Als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will 
Einmal Herbst und Welke spüren. 
Halte, Blatt, geduldig still, 
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht, 
Lass es still geschehen. 
Lass vom Winde, der dich bricht, 
Dich nach Hause wehen.

Hermann Hesse



Herbst in der Voralp, Grabs SG
Foto: Jakob Vetsch, 1991

Es genügt nicht zu vergessen

Dank den Rosen beim Fenster
und den Rosenblättern und Früchten
die auf dem Pult den Herbst verkünden
die ermutigende Fülle des Herbstes
Reichtum vor der Kargheit des Winters
in der sich der Frühling vorbereitet
auf kleinem Raum
kleine Zeichen
es kommt nicht auf ihre Grösse an
sie sprechen von Grossem
es genügt, nicht zu vergessen
wovon Dinge sprechen.

Peter Walss



November

Solchen Monat muß man loben;
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrießlich sein,
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie naß er alles macht!
Ja, es ist ´ne wahre Pracht.

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und die durcheinanderwirbelt
und sie hetzt ohn´ Unterlaß;
Ja, das ist Novemberspaß!
Heinrich Seidel (1842-1906)

Die Sonne scheint nur noch schwach.
Reif überzieht die Sträucher am Bach.
Ein kalter Wind über die Felder streift.
Ein hungriger Fuchs durch die Büsche schleicht.

Am Abend ein Leuchten am Himmel,
dunkel ragen die Bäume empor.
In der Ferne Glockengebimmel,
in der Kirche probt ein Chor.

Die Natur sich zur Ruhe begibt,
wir denken an Menschen, die wir geliebt.
Sie ruhen in Gottes Liebe geborgen,
November, warum sollte ich mich sorgen?
Verena Guerra


last update: 10.09.2015