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Predigt
zu Auffahrt, 13. Mai 2010, gehalten in der
St. Anna-Kapelle Zürich von Pfarrer Jakob Vetsch, Sihlcity-Kirche C'est le ton qui fait la musique "Nach dem Sturmwind kam ein Erdbeben, in dem Erdbeben aber war der Herr nicht. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer, in dem Feuer aber war der Herr nicht. Nach dem Feuer aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs. Als Elija das hörte, verhüllte der sein Angesicht mit seinem Mantel. Dann ging er hinaus und trat an den Eingang zur Höhle. Und sieh, da sprach eine Stimme zu ihm: Was tust du hier, Elija?" 1. Könige 19,11-13 Liebe Gemeinde! Vor vielen Jahren war ich zur Amtseinsetzung eines befreundeten Berufskollegen in die Kirche einer grösseren Ortschaft im Bernbiet eingeladen. Schon früh musste man sich auf den Weg machen, und als ich am dortigen Bahnhof dem Zug entstieg, drängte die Zeit. Die Kirche war nirgends zu sehen. Ein rettendes Taxi stand auch nicht bereit. Wohl beschrieb die Verkäuferin am Kiosk geduldig den Weg, aber da war von so vielen Rechts und Links die Rede, dass der Erfolg der Suche als eine eher unsichere Sache erschien. Es blieb nichts anderes übrig, als einfach mal drauflos zu laufen, in der Hoffnung, es komme schon gut. Und siehe da – oder eben: höre da – allmählich drang ein feines Glockengeläut an die Ohren... Dankbar hörte ich darauf und konnte mich auf dem Weg zur Kirche vom Klang leiten lassen. Der Ton wurde immer lauter und die Kirche konnte gerade noch rechtzeitig erreicht werden. Früh schon hab ich gemerkt, dass die Glocken in St. Anna eine spezielle Rolle spielen. Liebevoll und geschickt werden sie je nach Anlass und Sonntag im Kirchenjahr bedient und stimmen in feiner Weise auf das bevorstehende Erlebnis und das Hören auf Gottes Wort ein. So habe ich das noch nirgends beobachtet. Eine hohe Kunst und eine schöne Gabe. An meinem Arbeitsort in Sihlcity, wo früher die Papierfabrik stand, sind diese Wochen einer Glocke gewidmet. Sie stammt von 1837 und wurde durch I. Keller gegossen. Ihren Dienst versah sie einst im Wärterhäuschen. Und sie wurde zum Arbeitsbeginn und zum Arbeitsende sowie zu besonderen Anlässen getätigt. ![]() Viele Leute vom Quartier und auch ehemalige Mitarbeiter haben ihren Klang noch im Ohr. Das geht tief. Nun hat die Kirche diese alte, bedeutungsvolle Glocke durch grossherzige Beiträge der Christkatholischen Gemeinde erwerben können, und sie wird am Freitag nächster Woche als Kirchenglocke von Sihlcity eingeweiht. Die Freude darüber ist in vielen Herzen gross. ![]() Eigenartig: Glocken rufen herbei und senden wieder aus. Sie fordern zur Bereitschaft für das Folgende auf, und sie geben wieder frei für den Weg nach Hause. Glockenklänge üben im Leben von Gemeinschaften und Einzelnen eine stabilisierende Funktion aus. Sie dienen der Ausgeglichenheit. Sie kündigen auch den neuen Tag an. Unsere Sprache weiss noch über die tiefere Bedeutung des Tones, wenn es heisst: "Ich habe es läuten gehört" und damit das Vernehmen einer Neuigkeit gemeint ist. Nahe erscheint uns auch die Redewendung: "C'est le ton qui fait la musique." (Der Ton macht die Musik). Manchmal geht etwas nicht ohne Unterton oder nur mit Zwischentönen vonstatten, oder es kommt sogar zu Misstönen. Spannend übrigens, haben Sie sich auch schon mal darüber Gedanken gemacht, dass die Bezeichnungen "hell" und "dunkel" für das Licht, für Farben und für Töne gleichermassen angewendet werden? Es gibt auch die "helle" Freude oder den "dumpfen", ja auch den "dunklen" Schmerz... In einem bekannten Kanon von Willi Gohl heisst es: "Ein heller Morgen ohne Sorgen folget der düsteren Nacht." Köstlich auch: Wenn das Geläut einmal aussetzt dann "hören" das ganz viele Leute, weil es einem fehlt. Es geht da eben um mehr als um Technik oder um Information. Oder es sind ganz vielfältige und vielschichtige Informationen, die uns erreichen. Bei der Psychologin Regina Abt-Bächi haben im Buch "Der Heilige und das Schwein" die Glocken eine hervorragende psychologische Würdigung gefunden. Eindrücklich wird dort dargelegt, wie Glocken dazu geeignet sind, das äussere Leben mit dem inneren zu verbinden. Sie wecken die Hellhörigkeit der Stimme, die im Menschen wohnt. Und sie halten das Wissen um das Höhere wach, das immer in Gefahr ist, vom dunklen Unbewussten wieder verschluckt zu werden. Man vermutet heute, die ältesten Glocken habe es in China gegeben, in der Schang-Dynastie, zwischen 1600 und 1026 vor Christi Geburt. Unser Wort "Glocke" ist dem Altirischen "clocc" entlehnt, das eben "Schelle, Glocke" bedeutet. Dies, weil irische Mönche im 5. und 6. Jahrhundert die Glocken in Europa verbreiteten. "Hörst du die Glocken von Stella Maria" hiess das Lied, das die Hitparaden lange Zeit anführte. Ja, hören wir, liebe Schwestern und Brüder? Das ist schon die Frage an uns selbst. Elija war eine Gotteserscheinung (eine Theophanie) angesagt. Ich habe extra diesen Text ausgewählt für die Predigt. Im Erdbeben war er nicht. Im Feuer war er nicht. Dann aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs, "der Ton eines leisen Säuselns" sagt die Elberfelder-Übersetzung. Das hörte Elija. Er verhüllte sich. Er trat hinaus. Und eine Stimme redete ihn an: "Was tust du hier, Elija?" Dazu kam also eine Audition, ein Hören Gottes. Da schenkt mir ein Freund einen alten "Beobachter", die Nummer 26 vom Jahr 2008, mit dem wertvollen Wort des emeritierten ETH-Professors Martin Lendi, der da schrieb: "Wir haben es nicht mit einem Gott zu tun, der uns Menschen als Marionetten behandelt, sondern mit einem, der mit uns spricht. Nur Gott selbst kann uns sagen, wer er ist. Wichtig ist, dass wir uns ansprechen lassen und mitdenken." Ja, Gott redet mit uns. Er spricht uns an. Auch durch Jesus Christus. Und seine Botschaft von heute an uns ist eine ganz grosse: Die Himmelfahrt Christi. Und dass wir hier sind und diesen Gottesdienst feiern, sagt uns: Du und ich, wir haben Anteil an Auffahrt, wir sind ein Teil von Auffahrt, wir gehören dazu, wenn Jesus zur Rechten Gottes sitzt! Er macht das auch für uns. Und wenn immer wir in seinem Namen versammelt sind, und wo immer wir in seiner Nachfolge handeln, da ist diese Vollmacht mit uns, da ist die Christus-Kraft ganz und gar bei uns und wir mit ihr. Da dürfen wir säen und wirken und Freude daran haben – und wir dürfen der guten Früchte, die einst daraus entstehen, sicher sein. Es kann manchmal lang gehen. Es kann sogar sein, dass wir die Früchte nicht mehr sehen, geschweige denn davon kosten können. Aber es ist vollbracht. Es ist sicher. Und wir haben Anteil am Himmelreich. Und wir sind ein Teil davon. Weil wir zu Jesus Christus gehören und er zu uns. Wo wir vergeben und uns vergeben wird. Wo wir empfangen und dem Bedürftigen weiterreichen. Wo wir trösten und getröstet werden. Wo wir Frieden stiften und Frieden erlangen. Dort haben wir Anteil am Erbe der Kinder Gottes. Und dort sind wir als Kinder Gottes ein Teil seines Reiches. Amen. Sammlungsgebet Herr Jesus Christus Auffahrt, Himmelfahrt – für manche auch Ausfahrt – lädt uns ein. Öffne uns die Türen für neue Räume. Mach du uns bereit, sie zu betreten. Nähre in uns das Vertrauen, auf dich und deine Macht zu zählen. Befähige uns, Ungewohntes zu tun, loszulassen, in deine Hände zu legen, was uns bewegt, was uns stört, was uns freut. Amen. Fürbitten Guter Gott Viele Menschen sind bedrängt, eingeengt, unterdrückt. Wir bitten dich um Gerechtigkeit. Vielen Menschen ist die Möglichkeit verwehrt, sich zu entfalten. Wir bitten dich um Hoffnung. Viele Menschen sehen kein neues Land, keine Zukunft, keinen Frieden. Wir bitten dich um Sinn. Sei du bei allen diesen Menschen auf der ganzen Welt. Sei du auch bei uns in Zürich. Zeige uns deine Kraft. Mit deiner Gerechtigkeit, deiner Hoffnung, deinem Sinn. Amen. last update: 12.05.2010
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