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Alter

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Aus dem Meditationsbändchen "Wenn du dich sehnst"
Foto: Thomas Jost, 1984

Sprüche

Der Glückliche ist so froh, dass er seine Sorgen vergisst und das nahende Alter nicht achtet. 
Konfuzius

Ich bin einfach bei 50 stehengeblieben und habe danach 20mal meinen 50. Geburtstag gefeiert. 
Vico Torriani, 70, Sänger (1992)

Alt sein ist ein herrlich Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heisst. 
Martin Buber

Alt ist man erst dann, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Zukunft.

Alles was Spass macht, hält jung.

Das ganze Geheimnis, sein Leben zu verlängern, besteht darin, es nicht zu verkürzen.

Der Vorteil des Alters liegt darin, dass man die Dinge nicht mehr begehrt, die man sich früher aus Geldmangel nicht leisten konnte.

Ein Datum kann noch so krumm sein, irgendwann wird eine runde Sache daraus.

Je älter man wird , desto mehr ähnelt die Geburtstagstorte einem Fackelzug.

Jeder, der sich die Fähigkeit erhaelt, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

Keine Grenze verlockt mehr zum Schmuggeln als die Altersgrenze.

Kluge Menschen verstehen es, den Abschied von der Jugend auf mehrere Jahrzehnte zu verteilen.

Man kann nichts dagegen tun, dass man altert. Aber man kann sich dagegen wehren, dass man veraltet.

Wie alt man gerade geworden ist, sieht man an den Gesichtern derer, die man jung gekannt hat.


Gebet einer unbekannten Äbtissin

Herr, du weisst, dass ich altere und bald alt sein werde. Bewahre mich davor, schwatzhaft zu werden, und besonders vor der fatalen Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit und über jedes Thema mitreden zu wollen. Befreie mich von der Einbildung, ich müsse anderer Leute Angelegenheiten in Ordnung bringen. Bei meinem ungeheuren Schatz an Erfahrung und Weisheit ist´s freilich ein Jammer, nicht jedermann daran teilnehmen zu lassen. Aber du weisst, Herr, dass ich am Ende ein paar Freunde brauche. Ich wage nicht, dich um die Fähigkeit zu bitten, die Klagen meiner Mitmenschen über ihre Leiden mit nie versagender Teilnahme anzuhören. Hilf mir nur, sie mit Geduld zu ertragen, und versiegle meinen Mund, wenn es sich um meine eigenen Kümmernisse und Gebresten handelt. Sie nehmen zu mit den Jahren, und meine Neigung, sie aufzuzählen, wächst mit ihnen.

Ich will dich auch nicht um ein besseres Gedächtnis bitten, nur um etwas mehr Demut und weniger Selbstsicherheit, wenn meine Erinnerung nicht mehr mit der der andern übereinstimmt. Schenke mir die wichtige Einsicht, dass ich mich gelegentlich irren kann. Hilf mir, einigermassen milde zu bleiben. Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine Heilige zu werden (mit manchen von ihnen ist so schwer auszukommen!), aber ein scharfes, altes Weib ist eines der Meisterwerke des Teufels. Mach mich teilnehmend, aber nicht sentimental, hilfsbereit, aber nicht aufdringlich. 

Gewähre mir, dass ich Gutes finde, wo ich es nicht vermutet habe, und Talente bei Leuten, denen ich es nicht zugetraut hätte. Und schenke mir, Herr, die Liebenswürdigkeit, es ihnen zu sagen.

Teresa von Avila, 1515-1582


Über das Älterwerden
Arthur Schopenhauer in "Aphorismen zur Lebensweisheit"

Die Heiterkeit und der Lebensmut unserer Jugend beruhten zum Teil darauf, dass wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehen, weil er am Fusse der anderen Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten, wirklich ansichtig, wodurch, da zur selben Zeit die Lebenskraft zu ebben beginnt, auch der Lebensmut sinkt, so dass jetzt ein trüber Ernst den jugendlichen Übermut verdrängt und auch dem Gesicht sich aufdrückt. Solange wir jung sind, halten wir das Leben für "endlos", aber je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat. Man muss alt geworden sein, also lange gelebt haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben ist. Je älter man wird, desto kleiner erscheinen die menschlichen Dinge samt und sonders: das Leben, welches in der Jugend fest und stabil vor uns stand, zeigt sich uns jetzt als die rasche Flucht ephemerer (vergänglicher) Erscheinungen: die Nichtigkeit des Ganzen tritt hervor. Je länger wir nun leben, desto weniger Vorgänge scheinen uns wichtig oder bedeutend genug, um hinterher noch ruminiert ("wiedergekäut") zu werden, wodurch allein sie im Gedächtnis sich fixieren könnten: sie werden also vergessen, sobald sie vorüber sind. Nun ruminieren wir aber das Unangenehme nicht gern, wenn es unsere Eitelkeit verwundet, welches sogar meistens der Fall ist, weil wenige Leiden uns ganz ohne unsere Schuld getroffen haben. Im männlichen Alter schwindet die Langeweile mehr und mehr: Greisen wird die Zeit stets zu kurz, und die Tage fliegen schnell vorüber. Durch diese Beschleunigung des Laufes der Zeit fällt also in späteren Jahren meistens die Langeweile weg, und da andererseits die Leidenschaften mit ihrer Qual verstummen, so ist, wenn nur die Gesundheit sich erhalten hat, im Ganzen genommen die Last des Lebens wirklich geringer als in der Jugend: Daher nennt man den Zeitraum, welcher dem Eintritt der Schwäche und der Beschwerden des höheren Alters vorhergeht, "die besten Jahre". In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor: daher ist jene die Zeit der Poesie, dieses mehr für Philosophie. Die grösste Energie und höchste Spannung der Geisteskräfte findet, ohne Zweifel, in der Jugend statt, spätestens bis ins fünfunddreissigste Jahr, von dem an nimmt sie sehr langsam ab. Jedoch sind die späteren Jahre, selbst das Alter, nicht ohne geistige Kompensation dafür. Erfahrung und Gelehrsamkeit sind erst jetzt eigentlich reich geworden: Man hat Zeit und Gelegenheit gehabt, die Dinge von allen Seiten zu betrachten und zu bedenken und ihre Berührungspunkte und Verbindungsglieder herausgefunden, wodurch man sie allererst jetzt so recht im Zusammenhang versteht. Alles hat sich abgeklärt. Nur wer alt wird, erhält eine vollständige und angemessene Vorstellung vom Leben, indem er es in seiner Ganzheit und seinem natürlichen Verlauf übersieht. Den Stoff seiner selbsteigenen Erkenntnisse, seiner originalen Grundansichten, also das, was ein bevorzugter Geist der Welt zu schenken bestimmt ist, sammelt er schon in der Jugend ein: aber seines Stoffes Meister wird er erst in späten Jahren. Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines Maskenballs, wenn die Larven abgenommen werden. Man sieht jetzt, wer diejenigen, mit denen man während seines Lebenslaufes in Berührung gekommen war, eigentlich gewesen sind. Denn die Charaktere haben sich an den Tag gelegt, die Taten haben ihre Früchte getragen, die Leistung ihre gerechte Würdigung erhalten und alle Trugbilder sind zerfallen. Zu diesem allem war nämlich Zeit erforderlich. 


Die Reife

Auf die Blüte folgt die unreife Frucht; die Blüte ist in sich eine Vollkommenheit. Ebenso ist es mit dem Menschen. Der Jüngling wird für vollkommener gehalten als der Mann von 30, 40 Jahren. Dann kommt erst wieder ein vollendeter Zustand, die Reife.

Lichtenberg


Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist soll nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf1 um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Entwöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

Hermann Hesse


Unser Leben

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt so sind es achtzig Jahre 
und was daran köstlich scheint ist doch nur eine vergebliche Mühe

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt so sind es achtzig Jahre 
und was daran köstlich scheint ist die Mühe und die Arbeit Leiden und Last

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es wenig war so sind es sechzig Jahre 
und wenn es wichtig war so war es Krankheit und Arbeit

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es wenig war so sind es sechzig Jahre 
und wichtig ist mir jeder Tag auch die Tage der Schmerzen und Krankheit

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es sehr viel war so wurden es neunzig Jahre 
und die Jahre der Last löschen die Erinnerung an die Freuden

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es sehr viel war so wurden es neunzig Jahre 
doch entscheidend ist die Liebe die geschah zwischen mir und den andern

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es sehr wenig war so sind es fünfzig Jahre 
und die Leute lügen wenn sie sagen die Lücke die er hinterliess wird bleiben

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es sehr wenig wurde so sind es fünfzig Jahre 
doch Ziele hat es erreicht an jedem Tag den Gott schenkte die Fülle

Unser Leben währet vierzig Jahre und manchem sind auch die nicht vergönnt und mit dreissig kommt er ans Ende 
als Künstler gilt er frühvollendet als einfacher Mensch ohne Chance

Unser Leben währet vierzig Jahre und war doch mit Ewigkeiten gefüllt und wenn es mit dreissig zu Ende ist 
so kann doch niemand sagen es habe das Geborenwerden nicht gelohnt

Unser Leben währet zwanzig Jahre und der Krieg hält seine Ernte keine zehn werden wir erleben 
in den Hungerzonen dieser Welt - Unser Leben währet eine kurze Zeit

Unser Leben währet zwanzig Jahre und hat das Lachen und Weinen gekannt und wer als Kind stirbt 
der hat doch die Liebe gekannt und sein Leben ist von Gott anerkannt

Unser Leben währet diesen Augenblick und wenn Gott ihn segnet so ist er eine ganz grosse Ewigkeit 
und was darin zu vergehen scheint bleibt in dir und in mir bewahrt

Bernhard von Issendorff


Die Jahre

Das grosse Glück noch klein zu sein
sieht mancher Mensch als Kind nicht ein

Er möchte dass er ungefähr
so fünfzehn oder sechzehn wär

Doch schon mit siebzehn denkt er halt
Wer achtzehn ist der ist schon alt

Kaum ist die Zwanzig dann geschafft
erscheint die Dreissig greisenhaft

Dann erst die Vierzig welche Wende
die Fünfzig ist beinah das Ende

Doch dann mit sechzig jemine
schraubt man das Alter in die Höh

Die Sechzig scheint noch recht passabel
und erst mit siebzig miserabel

Mit siebzig aber hofft man still
Ich werd achtzig wenn Gott es will

Und wer die Achtzig überlebt
zielsicher nach der Neunzig strebt

Dort angelangt zählt er geschwind
nach Menschen die noch älter sind


Die Lebensfäden

Mit achtzig webt man immer noch mit Zettel und Schuss an seinem Lebensteppich weiter. Aber man blickt doch schon auf das bisher Gewobene wie auf ein grosses Ganzes - das mannigfache, verschiedene Muster unterschiedlicher Art - das sich zu einem eigengeprägten individuellen Bild gestaltet. Je älter man wird, drängt sich die Gewissheit auf: es war eine höhere Hand, die dein Wirken geführt und dir die Lebensmuster vorgezeichnet hat, vor allem in den Momenten, da du glaubtest, aus innerstem spontanen Impuls zu handeln. Das gibt dir den nötigen Abstand zu deinem kleinen Ego, und du erfassest im Überblick den Sinn des Geschehens in deinem Schicksal. 
Egon Isler, 01.06.1906-15.06.1990, a.Kantonsbibliothekar, Frauenfeld TG

Es ist mir bewusst geworden, dass es nicht Zufälligkeiten sind, die unsere Geschicke bestimmen. Wir sehen oft nur das uns bedrängende Gewirr der Fäden. Es ist aber eine Hand da, die die Fäden spinnt und das Lebensmuster gestaltet. Dieses Vertrauen ergreifen zu dürfen, ist aber keine persönliche Leistung, sondern eine Freundlichkeit Gottes, die uns begleiten möge, solange wir auf dem Weg sind. 
Franz W. Schäfer, a.Bischof der Evang.-methodist. Kirche, 1991


last update: 03.08.2015